Beiträge vom Juli, 2009

W.G. Sebald: Austerlitz

Donnerstag, 30. Juli 2009 20:14

Dieser Roman ist etwas Besonderes. Nicht nur dass sich zahlreiche Fotos mitten in den Text und so in den Handlungsverlauf schieben, es ist vor allem die eindringliche, intensive Sprache, die einen (hat man sich erst einmal an die langen verschachtelten Sätze gewöhnt) in die trostlose Welt des Helden hinabzieht. Irgendwie ist es kaum zu glauben, dass “Austerlitz” erst 2001, im Todesjahr des in England lehrenden Literaturwissenschaftlers und Germanisten Sebald, veröffentlicht wurde - so sehr behauptet sich das Buch gegen aktuelle Trends, so sehr scheint es aus einer anderen Zeit. Und auch wenn es abgedroschen klingt: Dieser Roman ist ein Klassiker.
Die Handlung ist schnell nacherzählt. Der Ich-Erzähler begegnet in den 1960ern dem Architekturhistoriker Jacques Austerlitz in Antwerpen. Man spricht zuerst über Gebäude und ihre Geschichte, dann (immer wieder mit jahrelangen Unterbrechungen) erzählt Austerlitz mehr von der Suche nach seiner eigenen Vergangenheit. Dass irgendwas mit ihm nicht stimmt, hat er nämlich schon als Kind gespürt und erst jetzt, im Alter, macht er sich auf, das Rätsel zu lösen. Die traurige Vergangenheit kommt schließlich ans Licht: Austerlitz wurde 1939 mit einem Kindertransport aus Prag nach England geschafft, kam in eine gefühlskalte Pfarrersfamilie in Wales und schlug schließlich eine akademische Laufbahn ein. Seine Eltern haben dagegen den Krieg Holocaust nicht überlebt.
Das Gefühl in einem falschen Leben zu stecken, durch Erinnerungsfetzen immer wieder darauf hingewiesen zu werden, dass in der eigenen Vergangenheit etwas Düsteres liegt, woran man aber lieber nicht rührt - all das wird so “echt” geschildert, dass man schnell in den Bann des melancholischen Austerlitz’ gerät.
Nicht nur die Lebensgeschichte selbst, auch die vielen Fotos mit den unspektakulären Motiven (ein dunkler Innenraum, ein spiegelndes Schaufenster usw.) sind sein Vermächtnis, denn Austerlitz vernichtete sämtliche eigene Aufzeichnungen. Und so ist der Roman ein eindringliches Erinnerungswerk, das auf Text- und Bildebene fasziniert und fesselt.

Thema: Literatur | Kommentare (2) | Autor: Steffen

Romantische Maschinen. Georg-Kolbe-Museum Berlin

Dienstag, 21. Juli 2009 11:45

Georg Kolbe Museum Romantische MaschinenGleich zum Auftakt ein Highlight: Im Video “Der Lauf der Dinge” von Peter Fischli und David Weiß rattert, knallt und zischt eine phantasievolle Kettenreaktion fast eine halbe Stunde lang allein vor sich hin, ohne dass man eine helfende Menschenhand zu Gesicht bekommt. Das Publikum ist begeistert und jetzt bestens vorbereitet auf den Rest der kleinen Ausstellung im Georg-Kolbe-Museum. Der Film aus dem Jahr 1987, übrigens ein Publikumsmagnet auf der documenta 8, ist das älteste präsentierte Werk, alle anderen Beispiele kinetischer Kunst sind erst in den letzten Jahren entstanden.
Überhaupt ist kinetische Kunst, verkürzt zusammengefasst also Kunst aus sich bewegenden oder bewegbaren Objekten, noch eine sehr junge Richtung. Zwar gab es mit Automaten schon seit der Antike Vorstufen, doch erst im 20. Jahrhundert experimentierten Künstler wie Marcel Duchamp, László Moholy-Nagy oder Alexander Calder ausführlich mit Zeit, Veränderung, Zufall und Bewegung als Gestaltungsprinzipien. Doch auch wer die verrückten Maschinen-Skulpturen von Jean Tinguely, dem berühmtesten Kinetiker, nicht kennt, wird an der Berliner Ausstellung seine Freude haben!
Ob die sich aneinander reibenden (oder miteinander tanzenden) leeren Blätter von Ariel Schlesinger, Robert Bartas unermüdlich vorwärtsratternde Spielzeuglock (während sich die Schienen entgegengesetzt drehen) oder Johanna Smiateks Spiegel, der bei Herantreten anfängt zu vibrieren - hier passiert etwas und der Betrachter muss sich damit auseinandersetzen. Der Ausstellungstitel hat es ja angekündigt, es soll hier vor allem um die poetischen Dimensionen kinetischer Kunst gehen. Und auch wenn die üblichen Referenzen an die Kunstgeschichte (Michael Elmgreen und Ingar Dragset lassen berühmte Skulpturen ein Theaterstück aufführen) nicht fehlen, sind es vor allem die ganz simplen Installationen, die das Romantische der Maschinen besonders gut zeigen. Zilvinas Kempinas “O2″ besteht aus einem Ventilator und einem geschlossenen Magnetband, das vom Wind davon abgehalten wird, auf den Boden zu fallen und sich in unregelmäßigen Bewegungen dreht. Das ist (fast) so schön wie auf der Wiese liegen und in die Wolken gucken.
Noch bis zum 6. September ist die Ausstellung zu sehen und mit dem Video bei art-in-berlin kann man sich schon einmal einen Eindruck verschaffen.

Thema: Kunst | Kommentare (5) | Autor: Steffen

Saehrendt & Kittl: Das kann ich auch. Gebrauchsanweisung für moderne Kunst

Donnerstag, 16. Juli 2009 13:08

Über zeitgenössische Kunst gehaltvoll und doch verständlich zu schreiben, ist nicht ganz einfach. In Zeiten des Kunstbooms, als Werke von lebenden Künstlern die alten Meister in Sachen Marktwerkt weit übertrafen, gab es zum Glück auch kritische Stimmen, die über moderne Kunst ohne allzu viele hohle Phrasen berichteten. Christian Saehrendt und Steen T. Kittl gehörten dazu. Ihr Buch “Das kann ich auch. Gebrauchsanweisung für moderne Kunst” erschien 2007  zum ersten Mal, wurde schnell zum Bestseller und kommt im September, also nachdem die Blase geplatzt ist, in einer aktualisierten und erweiterten Neuausgabe auf den Markt. Doch auch wenn die beiden Autoren den Kunstbetrieb von allen Seiten durchleuchten, einzig die Aufforderung, nicht immer alles hinzunehmen, was da als Kunst präsentiert wird, bleibt beim Leser am Schluss hängen. Aber das ist doch immerhin etwas! mehr

Thema: Kunst, Literatur | Kommentare (0) | Autor: Steffen

Urban Affairs Extended. Stattbad Wedding

Dienstag, 14. Juli 2009 22:06

Urban Affairs Extended 2009: Tape-Art-Fassade von El Bocho

Wie stellt man eigentlich Streetart aus? Einfach nur Fotos von bemalten Häuserwänden hinhängen oder Videos von Sprayern bei der Arbeit zeigen, geht ja irgendwie nicht. Entweder man gibt Interessierten einen Stadtplan in die Hand, damit sie sich die Objekte vor Ort ansehen oder man holt die Künstler einfach ins Haus und lässt sie sich austoben, so frei wie möglich natürlich. Letzteres ist für die zweite Ausgabe des Festivals Urban Affairs Extended geschehen. Im stillgelegten Stadtbad (heute also: Stattbad) Wedding werden noch bis zum 31. Juli Werke von mehr als 20 internationalen Künstlern und Künstlergruppen der Urban und Streetart-Szene gezeigt. Dabei beeindrucken vor allem jene Installationen, die sich auf den besonderen Ort einlassen. Der Berliner Tape-Artist El Bocho zum Beispiel gestaltete mit etwa 15 km farbigen Klebeband die Fassade des alten Schwimmbads. Der Italiener Neon klebte ein großes dreidimensionales Graffiti in eine der ehemaligen, inzwischen ziemlich ranzigen Umkleidekabinen. Roa aus Belgien besprühte Vorder- und Rückseiten von schmalen Umkleideschränken mit großen Vögeln. Und Vectorian, ebenfalls Berliner, lässt bunte Fische aus einer blauen Badewanne fliegen. Unbedingt angucken! Mehr zum Festival und den beteiligten Künstlern im schicken Streetart Berlin Blog.
Und hier mehr Fotos

Thema: Kunst | Kommentare (2) | Autor: Steffen

Zu gewinnen: Rebecca Martin: Frühling und so

Sonntag, 12. Juli 2009 12:34

Truman Capote schrieb seinen ersten Roman “Summer Crossing” im Alter von 19. Oder ein aktuelleres Beispiel: Benjamin Lebert war gerade 17, als sein Erstling “Crazy” veröffentlicht wurde. Wie alt oder wie jung ein Autor, eine Autorin ist, sagt noch lange nichts über die Qualität seines oder ihres Textes aus. Doch bei Erscheinen von Rebecca Martins (damals 18) Debütroman “Frühling und so” schien für viele Rezensenten das Alter der Autorin und deren Herkunft von großer Bedeutung. Schließlich scheint der Roman eins zu eins das Leben der Autorin zu spiegeln. Motto: Hier schreibt jemand, der es wissen muss. Doch dann das: So einfühlsam, erfrischend oder gar heiß, wie die Presse das Buch fand, ist es leider kein bisschen! mehr

Thema: Literatur | Kommentare (9) | Autor: Steffen

Íñigo Hernández Tofé: Axel Hotel Berlin

Donnerstag, 9. Juli 2009 11:29

Hotel Axel BerlinDieses Gebäude in den Farben Schwarz und Gold präsentiere Einfachheit und Eleganz gleichzeitig, so der spanische Architekt Íñigo Hernández Tofé über sein Hotel Axel in Berlin. Das Haus steht auf einem schmalen Streifen, direkt an der Lietzenburger Straße in Berlin-Schöneberg. Die insgesamt 86 Zimmer der sechs Etagen erreicht man jeweils über kreisförmige Empfangsräume. Von außen sind diese als turmähnliches Scharnier in der Mitte sichtbar und auch an den Seiten des Baus nimmt der Architekt diese runde Form bis hin zum Pool an der Spitze der Dachterrasse wieder auf (auf den Fotos rechts oben). Berlin ist nach Buenos Aires und Barcelona der dritte Standort der Hotelkette, die sich vornehmlich an schwule Gäste richtet (Motto: “heterofriendly”). mehr Fotos

Thema: Architektur | Kommentare (2) | Autor: Steffen

David Foster Wallace: Schrecklich amüsant - aber in Zukunft ohne mich

Mittwoch, 8. Juli 2009 8:32

Was passiert eigentlich genau auf diesen riesigen, luxuriösen Kreuzfahrtschiffen? 1996 wurde der amerikanische Schriftsteller David Foster Wallace vom Harper’s Magazine auf eine Kreuzfahrt in die Karibik geschickt, um rauzufinden, ob die Versprechungen der üppigen Kataloge (”Einfach die Seele baumeln lassen!” oder “Den Alltagsstress vergessen!”) erfüllt werden. Dass Wallace ganz und gar kein typischer Kreuzfahrt-Tourist ist, das Geschehen an Bord eher als Außenseiter schildert, macht seinen Bericht so glaubwürdig und amüsant gleichzeitig.
Nun könnte man erwarten, dass Wallace alle Absonderlichkeiten einfach nur aufzählt oder über sie herzieht. Nein, er nimmt, soweit es seine unterschiedlichen Phobien denn zulassen, rege am Bordleben teil und ist von einigen Ritualen und Einrichtungen auch schnell begeistert. Sei es der regelmäßig aufgefüllte frische Obstkorb in seiner Kabine, der schnelle, unsichtbare Reinigungsservice oder einfach die Unterdruck-Toilette - Wallace schildert dies alles mit fast schon kindlicher Freude. Allerdings beobachtet er an sich selbst bald echte Gewöhnungserscheinungen und hat Lust, auch mal ordentlich rumzumotzen und sich über Kleinigkeiten zu beschweren.
Höhepunkte sind die Beschreibungen der Crew und der Mitreisenden. Da gibt es u.a. den sympathischen ungarischen Kellner Tibor (er “bewegt sich mit jener vogelartigen Ökonomie, die man bei kleinen, behänden Dicken oft vorfindet”), die Tischnachbarin Trudy (”sie sah aus wie das Sechszigerjahre-Sitcom-Schwergewicht Jackie Gleason im Fummel”)  und Petra, das slawische Steward-Mädchen, das stets mit zwei Sätzen antwortet (”Is no problem.” und “You are a funny thing.”). Wallace ist auch ein genauer Beobachter der zwischenmenschlichen Beziehungen, er durchschaut die Hierarchien an Bord und die Verbindungen zwischen den Reisenden. So ist das Buch nicht einfach nur ein Bericht, sondern eher die knallharte und bissige Schilderung des Mikrokosmos Luxuskreuzfahrt.
Wallace versieht seinen Text mit umfangreichen Fußnoten und der Erzählstrang spaltet sich so in zwei oder drei Teile, ohne dass man selbst den Faden verliert. “Schrecklich amüsant - aber in Zukunft ohne mich” eignet sich also hervorragend, um die wenigen Wochen bis zum Erscheinen von “Unendlicher Spaß” zu überbrücken, Wallace’ bislang nicht übersetzten Mega-Roman aus dem Jahr 1996.

Thema: Literatur | Kommentare (2) | Autor: Steffen

Neue Literatursendung: “Die Vorleser”

Montag, 6. Juli 2009 11:37

Lange haben die deutschsprachigen Verleger darauf gewartet. Am Freitag ist es nun soweit, der Nachfolger von Elke Heidenreichs Literatursendung “Lesen!” startet im ZDF. Ob das Publikum die Empfehlungen von Amelie Fried und Iljoma Mangold genauso annehmen wird, wie Heidenreichs oft sehr subjektive Lektüreaufforderungen, bleibt allerdings abzuwarten. Mit den Büchern der ersten Sendung setzt man zuerst auf Altbewährtes: Per Olov Enquists “Ein anderes Leben” (Hanser) wurde im Frühling vom Feuilleton bereits ausführlich gewürdigt. Auch Joey Goebel (”Heartland”, Diogenes) ist kein Unbekannter. Doch irgendwie entsteht der Eindruck, dass man es allen recht machen wollte: Zwei bekannte Autoren und zwei Debüts, zwei Männer und zwei Frauen, ein Schwede, ein Engländer, eine Amerikanerin und eine Deutsche. Die zwei Debütromane sind Anna Katharine Hahns “Kürzere Tage” (Suhrkamp) und Alice Greenways “Weiße Geister” (Mare).
Wie bei Heidenreich wird es einen Gast geben, der ein Buch mitbringt. In der ersten Sendung ist es der Schauspieler Walter Sittler (”girl friends”, “Nikola”) mit Erich Kästners “Als ich ein kleiner Junge war”. So hofft man wohl, vor allem das ZDF-Stammpublikum anzusprechen. Mit so vielen gut gemeinten Kompromissen haben “Die Vorleser” gegen die einzig wahre Literatursendung im deutschen Fernsehen, Denis Schecks kompromissloses “Druckfrisch“, allerdings nicht den Hauch einer Chance. Aber wahrscheinlich die besseren Quoten. Und da freuen sich dann auch die Verleger.

Nachtrag 11.07.09: Wie erwartet lief die erste Sendung ohne große Überraschungen ab. Spannend wurde es lediglich bei der Meinungsverschiedenheit über Joey Goebels “Heartland”. In drei Extra-Tipps wies Mangold dann auch auf Sachbücher und den gefeierten Roman “Paradiso” von Thomas Klupp hin. Die Lösung auf das unvermeidliche Gewinnspiel (Welches Buch beginnt mit dem Satz?) ist natürlich “Der kleine Prinz” von Antoine de Saint-Exupéry. Nicht gerade knifflig/originell!
Zoe war übrigens live im Studio dabei. Ihren sehr schönen Bericht gibt es hier!

Thema: Literatur | Kommentare (0) | Autor: Steffen

Mit dem Fahrrad zur Milchstraße. Die Sammlung Hoffmann. Lipsiusbau Dresden

Donnerstag, 2. Juli 2009 11:47

Kunsthalle im Lipsiusbau DresdenWährend in Berlin das Sammlerpaar Pietzsch surrealistische Kunst in der Neuen Nationalgalerie zeigt (mehr dazu hier), wird derzeit im Dresdener Lipsiusbau auf der Brühlschen Terasse zeitgenössische Kunst aus der Sammlung Erika und Rolf Hoffmann präsentiert. Und während man in Berlin auf einen konventionellen, chronologischen Rundgang setzt, hat  in Dresden Erika Hoffmann-Koenige die Ausstellung höchstpersönlich konzipiert und für spannungsreiche Bezüge und Überraschungen gesorgt.
Der ungewöhnliche Titel “Mit dem Fahrrad zur Milchstraße” spielt dabei auf zwei für die Sammlung wichtige Werke an: Die Schau beginnt mit dem 16mm-Film “Met losse handen” von Marijke van Warmerdam, in dem man als Betrachter die Position eines Fahrradfahrers einnimmt, der erst die Hände vom Lenker nimmt, dann langsam in die Luft steigt und in Kreisen über die flache holländische Landschaft fliegt. Ein provokant-obszöner Gegensatz dazu ist das große, auf Tizian und Tintoretto anspielende Ölgemälde von Richard Phillips “Origin of the Milky Way”: Eine künstliche Blondine verspritzt Milch aus ihren großen Brüsten.

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Thema: Kunst | Kommentare (0) | Autor: Steffen