Beiträge vom Juni, 2009

Keiko Sadakane. Paravento Regale. Museum für Asiatische Kunst Berlin

Mittwoch, 10. Juni 2009 15:22

Schon der Weg in die kleine Ausstellung mit drei Werken der Japanerin Keiko Sadakane (geb. 1948) ist nicht leicht zu finden. Aber die Suche nach dem Raum im ersten Obergeschoss des Museums für Asiatische Kunst lohnt sich. Denn in den anderen, besser ausgeschilderten Sonderausstellungen im Betonklotz der Museen Dahlem (”Tuchintarsien in Europa” und “Buddhas erbarmungsvolle Helfer“) wird der Intellekt des Betrachters wohl kaum so herausgefordert, wie bei einer Konfrontation mit den Objekten von Keiko Sadakane.

Im Mittelpunkt steht das Werk “Paravento Regale”; 33 quadratische, gold glänzende Messingtafeln, auf denen je ein japanischer, deutsch-österreichischer oder niederländischer Begriff zu lesen ist. Ausführung und Hängung erinnern an Objekte der Minimal Art. Doch wo dort auf nichts, als auf sich selbst verwiesen werden soll, öffnet sich hier ein regelrechtes Netzwerk an Verweisen. Kopien mit einem Glossar der verwendeten Begriffe helfen bei der Spurensuche: Calumbak z.B. ist die niederländische Bezeichnung für ein Aloeholz, das von den Ostindischen Inseln nach Japan importiert wurde, um daraus Räucherstäbchen herzustellen. De Liefde, niederländisch für Liebe, hieß das holländische Schiff, das 1600 in Japan strandete und dessen Kapitän es gelang, den 250 Jahre dauernden exklusiven Handelsvertrag zwischen Japan und Holland einzufädeln. Armillarsphäre, Pämäräntschen, Oliphant: Jedes der Worte hat viel Historie aufzuweisen und so entsteht schließlich ein weit verzweigtes Beziehungsgeflecht zwischen Ost und West.

Auch der Titel des Kunstwerks selbst hat Verweischarakter. Zum einen zitiert er Joseph Beuys’ letzte große Intallation “Palazzo Regale” und zum anderen wurde die Künstlerin durch den Fund eines japanischen Paravants aus dem 17. Jahrhundert im Barockschloss Eggenberg in Graz inspiriert. Auf diesem königlichen Wandschirm ist das Schloss Osaka zu sehen, in dem der einflussreiche Feldherr und Politiker Toyotomi Hideyoshi wohnte. Hideyoshi herrschte 33 Jahre - aus genauso vielen Teilen besteht der “Paravento Regale”. Dass diese Verweisdichte nur mit Zusatzinformationen (wie z.B. einem Aufsatz des Kurators Alexander Hofmanns auf der Homepage der Künstlerin) entschlüsselt werden kann, merkt man schnell bei den beiden anderen ausgestellten Objekten: “Pro Felix Augustus” (13 Porzellanteller) und “Dubitatio” (eine Holzpyramide mit Glasvitrinen) lassen Bezüge nur erahnen. Dass die angekündigte Porzellankanne aus Hohenzollernbesitz fehlt, ist schade. Als Gegenstück zu den zeitgenössischen Tellern hätte sie Anregungen auch für Uneingeweihte liefern können. Nur die wenigsten Besucher werden daheim nachrecherchieren. Doch sehenswert ist die kleine Ausstellung, die noch bis 30. August 2009 läuft, trotzdem.

Einen Dialog zwischen Ost und West gibt es bekanntlich auch in der Musik. Und so veranstaltet die Deutsche Gesellschaft für Ostasiatische Kunst passend zum Thema der Ausstellung am 9. Juli ein Konzert mit Stücken von Fukushima, Yun, Cage und Scelsi.

PS: Pämäräntschen ist Österreichisch für Orangen!

Thema: Kunst | Kommentare (3) | Autor: Steffen

Nadia Budde: Such dir was aus, aber beeil dich!

Montag, 8. Juni 2009 13:29

Wie fühlt sich Kindsein an? Sehen, riechen, hören Kinder anders als die Erwachsenen um sie herum? Dass das irgendwie so sein muss, ist ja jedem klar. Schließlich waren wir alle einmal klein. Doch mit den Jahren fällt einem nicht mehr auf, dass das Treppenhaus an manchen Tagen seltsam anders riecht. Man hat vergessen, wie es ist, Kaugummi in den Haaren zu haben. Und man weiß auch nicht mehr, welchen Spaß es macht, die Brottasche rumzuschleudern. Der Berliner Autorin und Illustratorin Nadia Budde ist mit “Such dir was aus, aber beeil dich!” etwas besonderes gelungen. In zehn Kapiteln schildert sie persönliche Episoden aus ihrer Kindheit. Die auf den ersten Blick sperrigen Zeichnungen und die kurzen Texte fangen auf unglaubliche Weise typische Kindheitserfahrungen ein. Und auf jeder Seite wird man selbst unweigerlich in die eigene Kindheit zurückversetzt.

Dass Nadia Budde bereits einige eher klassische Bilderbücher produziert hat, darunter “Trauriger Tiger toastet Tomaten” oder “Eins Zwei Drei Tier”, sieht man ihren neuen Buch sofort an. Statt einer starren Struktur mit Panels und Sprechblasen, wie sie etwas die Graphic Novels von Marjane Satrapi (”Persepolis”) oder Alison Bechdel (”Fun Home”) aufweisen, variieren die Text- und Bildanteile hier je nach Inhalt. Die handgeschriebenen Zeilen sind keine Zugaben, sondern fügen sich nahtlos in die Bilder ein. Die Zeichnungen liefern genau wie die kurzen Sätze nur Bruchstücke der Geschichte. So muss sich jeder Leser die Hintergründe selbst dazudenken. Die grob wirkenden Bilder mit ihren dicken, schwarzen Konturen entpuppen sich schnell als treffend eingefangene Momentaufnahmen. Da ist zum Beispiel der Kumpel aus Kreuzberg, der über Transparente von früher aufklärt: Bartstoppeln, gefärbte Haare, Augenringe, Anarchie-Shirt - mit nur wenigen Strichen werden die Figuren gekonnt charakterisiert.

Die Story ist schnell erzählt: Ein kleines Mädchen wächst bei den Großeltern auf dem Land auf und zieht irgendwann in die Großstadt. Die unterschiedlichen Episoden spielen dabei hin und wieder auf die Besonderheit einer DDR-Kindheit an (Ansteckblumen für die Bäuerinnen am Frauentag; Westbesuch, der ins Hausbuch des Wohnblocks eingeschrieben werden muss). Aber häufiger geht es um die manchmal seltsamen Gedanken und Gefühle, die jedes Kind kennt. Da wird u.a. gezeigt, wie sich Kinder die Vorgänge beim Nasenbluten vorstellen oder in einer makabren Geschichte erzählt, wie sich der personifizierte Tod auf dem Land mit seinem Kollegen aus der Stadt einen Kampf liefert. So vielschichtig, anspielungsreich und ironisch geht es in allen zehn Kapitel zu und so ist das Buch auch eher für ältere Kinder und natürlich Erwachsene geeignet, die dazu bereit sind, der eigenen Kindheit nachzuspüren.

“Such dir was aus, aber beeil dich!” ist in der Fischer-Kinderbuchreihe “Die Bücher mit dem blauen Band” erschienen. Einige Bilder aus dem Buch gibt es in dem lesenswerten Blog Jugendbuchtipps. Ein hörenswertes Interview mit Nadia Budde lief im April im Deutschlandfunk. Hier der Stream. Am Samstag, 20.06.2009, stellt Nadia Budde ihr Buch im Rahmen der 12. Literaturwoche Prenzlauer Berg im Theater o.N. (Kollwitzstr. 23) vor.

Thema: Kunst, Literatur | Kommentare (0) | Autor: Steffen

Demnächst auf Deutsch: Unendlicher Spaß von David Foster Wallace

Freitag, 5. Juni 2009 8:00

Ende August ist es endlich soweit. Die deutsche Übersetzung von David Foster Wallace’ Meilenstein der jüngeren amerikanischen Literatur “Infinite Jest” erscheint bei Kiepenheuer & Witsch. Sechs Jahre hat Übersetzer Ulrich Blumenbach an “Unendlicher Spaß”, so der Titel, gearbeitet und knapp 1600 Seiten dick wird das Buch hierzulande sein. Im Interview erzählt Blumenbach von seiner oft schwierigen Arbeit und warum kein anderer der “notorischen Dickbuchübersetzer” den Auftrag angenommen hat. Der Roman war 1996 der Durchbruch für Wallace und wurde dank seiner ungeheuren Vielschichtigkeit schnell mit Werken von den Altmeistern der Postmoderne Pynchon, Gaddis und DeLillo verglichen. Doch der damit einsetzende Rummel um seine Person war Wallace zu viel. In einem sehr persönlichen Porträt im New Yorker wird ein Brief zitiert, in dem sich Wallace bei DeLillo beklagt. Vor allem die Reporter, die das Buch offensichtlich nicht gelesen hatten, ihn trotzdem interviewten und dann Artikel über den Hype schrieben (ohne zu verstehen, dass sie damit den Hype noch weiter anheizten), gingen ihm auf die Nerven. Vielleicht auch ein Grund, warum Wallace bis zu seinem Selbstmord im letzten Jahr keinen weiteren Roman vollendete. Als erste Einführung in das Opus Magnum sei an dieser Stelle nur auf Susannes Aufzählung der wichtigsten Figuren und auf eine Gruppe amerikanischer Blogger hingewiesen, die sich jeden Tag unter dem passenden Titel Infinite Summer ein paar Seiten des Romans vornehmen und kommentieren.

Thema: Literatur | Kommentare (3) | Autor: Steffen

Charlie Kaufman: Synecdoche, New York

Donnerstag, 4. Juni 2009 9:01

Ist das wirklich wahr, was das Österreichische Filmmuseum da auf seiner Homepage verkündet? “Synecdoche, New York”, der erste eigene Film des großartigen Charlie Kaufman (Drehbuchautor von “Beeing John Malkovich” und “Adaption”), wird nicht in österreichische und deutsche Kinos kommen? Und das obwohl der preisgekrönte Philip Seymour Hoffman (”Capote”) die Hauptrolle spielt? Wahrscheinlich hört sich die Handlung etwas zu verschroben an, um ein Massenpublikum zu erreichen: Ein depressiver Theatermann baut dank eines Stipediums in einer Lagerhalle die Stadt New York eins zu eins nach und hat dort vor, das Leben an sich nachzudrehen. (Mehr zum Inhalt sehr kenntnisreich beim Filmblog Kein Blut, Rot!) Kann man also nur hoffen, dass die DVD bald erscheint!

PS: Eine Synekdoche bezeichnet das Ersetzen eines Begriffs durch einen engeren oder weiteren  Begriff aus dem selben Feld.

Thema: Kunst | Kommentare (0) | Autor: Steffen

John Flaxman und die Renaissance. Bode-Museum Berlin

Mittwoch, 3. Juni 2009 9:36

Bode-Museum Berlin, Museumsinsel

Eine kleine, sehr sehenswerte Ausstellung ist noch bis zum 12. Juli im (oft menschenleeren) Berliner Bode-Museum zu bestaunen. In nur einem Raum werden unterschiedliche Werke des englischen Neoklassizisten John Flaxman (1755-1826) einem Gemälde Masaccios und einem Relief Donatellos, beides Meisterwerke der Florentiner Frührenaissance, gegenübergestellt. Dabei wird dem Besucher zum einem gezeigt, wie sich Flaxman von Zeichnungen über den Gips hin zum Relief mit einer Anbetung der Könige arbeitet. (Dieses atemberaubend schöne Stück, eine erst vor kurzem als Flaxman-Original identifizierte Leihgabe aus Privatbesitz, ist auch das absolute Highlight der Schau.) Zum anderen kann man Flaxmans Arbeiten immer wieder mit denen der Renaissance-Meister vergleichen. Wie baut er seine Körper? Was macht er mit den Umrisslinien? Wie sind die Figuren im Raum angeordnet? Als Extra gibt es eine echte Wedgwood-Vase zu der Flaxman den Figurenschmuck lieferte und drei Illustrationen zu Dante und Aischylos. Doch auch ohne diese in Berlin selten gezeigten Blätter funktioniert hier, was vor einigen Wochen in der Ausstellung Rothko/Giotto (mehr dazu hier) nicht geklappt hat: Auch dank der hilfreichen, verständlichen Erläuterungen ist jeder in der Lage, Parallelen zu erkennen und so Dinge in den Kunstwerken zu sehen, die ohne Vergleich verborgen geblieben wären. (Flaxmans Relief ist übrigens noch bis Anfang 2010 als Leihgabe in Berlin.)

Thema: Kunst | Kommentare (2) | Autor: Steffen