Beiträge vom Juni, 2009

The Divine Comedy spielt Cricket

Dienstag, 30. Juni 2009 10:15

Ein ganz großes musikalisches Ereignis wirft seinen Schatten voraus: The Divine Comedy, also der irische Sänger, Komponist und Songschreiber Neil Hannon, hat zusammen mit Thomas Walsh von der Band Pugwash ein neues Album aufgenommen.
Nach Konzeptalben zum Beispiel über die Erlebnisse eines Liebespaars an der Küste (”Promenade”, 1994) oder Songs über heimliche Gothic-Fans (”The Happy Goth”, 2004) geht es in dem neuen Projekt um die englische Nationalsportart Cricket.
Daher auch der Name des Projekts: The Duckworth Lewis Method hilft bei Spielunterbrechungen, die zum Sieg benötigte Punktzahl der als zweites schlagenden Mannschaft zu berechnen, so Wikipedia. Doch auch wenn für Nicht-Briten das Thema reichlich seltsam ist, die Songs sind es absolut nicht! Stephen Fry twitterte schon “Magnif. Loving it much.”
Auf der mit Fakten rund um Cricket angereicherten Homepage der Band oder bei der Times kann man schon mal in das Album, was am 6. Juli erscheint, reinhören. Die erste Single “The Age of Revolution” ist bereits erhältlich.

Thema: Literatur | Kommentare (6) | Autor: Steffen

Fritz Cremer: O Deutschland, Bleiche Mutter (1964/65)

Sonntag, 28. Juni 2009 11:09

Fritz Cremer: Oh Deutschland, Bleiche MutterIn seiner großen bronzenen Frauenfigur bezieht sich der Bildhauer Fritz Cremer (1906-1993) direkt auf ein Gedicht Bertolt Brechts mit dem gleichen Titel. Auch der Komponist Hanns Eisler ließ sich in seiner Deutschen Symphonie von Brecht beeinflussen und 1980 zitierte die Regisseurin Helma Sanders-Brahms Brecht fast wörtlich im Titel eines preisgekrönten Spielfilms. Thema in allen Kunstwerken - Lyrik, Musik, Film und Bildhauerei - ist die düstere deutsche Geschichte. Brecht verknüpft in seinem Gedicht die allgemeine Lage mit einem individuellen Bild: “O Deutschland, bleiche Mutter!/Wie sitzest du besudelt/Unter den Völkern…” Cremer nimmt diesen Gedanken in seiner Plastik aus den Jahren 1964/65 wieder auf und zeigt eine hagere aber aufrecht sitzende Frau. Im Gegensatz zu seinem großen, mehrfigurigen Buchenwald-Denkmal (1952-58) schuf er hier für das KZ Mauthausen eine einzelne Figur. Seit einigen Jahren steht Cremers Skulptur hinter dem Berliner Dom, nah an der Spree und in der Nähe der Alten Nationalgalerie auf der Museumsinsel.
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Thema: Kunst | Kommentare (0) | Autor: Steffen

Goethe oder Klopstock? Die ZEIT-Leser-Edition

Freitag, 26. Juni 2009 12:56

Im inzwischen recht unübersichtlichen Markt der (meist von Zeitungsverlagen veröffentlichten) preisgünstigen Sondereditionen startete die ZEIT in dieser Woche eine neue Aktion. Bei der ZEIT-Leser-Edition kann jeder selbst mitbestimmen, welche 20 deutschsprachigen Literaturklassiker im Herbst als Teil der Reihe erscheinen. In vier Themenblöcken kann online und per Post aus je 25 Vorschlägen ausgewählt werden:

1. Aufklärung, Sturm und Drang, Weimarer Klassik,
2. Romantik, Biedermeier, Vormärz (ab 2.7.),
3. Realismus, Naturalismus, Fin de Siècle (ab 9.7.) und
4. Moderne, Nachkriegs- und Gegenwartsliteratur (ab 16.7.).

Es gibt sogar die Möglichkeit, Werke vorzuschlagen, die nicht auf den Vorschlagslisten stehen. Die 20 Titel, der Logik nach also aus jedem Block die fünf Texte mit den meisten Stimmen, werden zur Frankfurter Buchmesse verkündet. Zu den Kandidaten der ersten Runde (1750-1799) gehören neben den üblichen Verdächtigen Lessing, Goethe, Schiller, Hölderlin auch “Exoten” wie Gottsched (”Der sterbende Cato”), Lenz (”Der Hofmeister”), Klopstock (”Oden” und “Messias”) und immerhin eine Frau (Sophie von La Roche). Bleibt abzuwarten, was sich die ZEIT-Leser lieber ins Regal stellen mögen, die unvermeidbaren Klassiker wie “Faust” und “Nathan der Weise” oder ob sie doch auf Bücher Lust haben, die man nicht seit der Schulzeit kennt. Mein persönlicher Favorit ist zum Glück aber auch dabei: “Anton Reiser” von Karl Philipp Moritz.

Thema: Literatur | Kommentare (1) | Autor: Steffen

Bilderträume. Die Sammlung Ulla und Heiner Pietzsch. Neue Nationalgalerie Berlin

Mittwoch, 24. Juni 2009 18:40

Neue Nationalgalerie Berlin: BilderträumeEs ist schon etwas Besonderes, wenn Privatsammler entweder die  Türen des eigenen Hauses öffnen, um ihre Kunstwerke der Allgemeinheit zu präsentieren oder, wie noch bis 22. November 2009 in der Neuen Nationalgalerie, ihre Sammlung komplett in ein klassisches Museum geben. Das Berliner Sammlerpaar Ulla und Heiner Pietzsch hat sich für letzteres entschieden (und kann zuhause jetzt endlich die Wände streichen lassen). Die beiden sind Fans des Surrealismus und so heisst die Ausstellung am Kulturforum ganz passend “Bilderträume“.

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Edo Popović: Die Spieler

Montag, 22. Juni 2009 17:44

Dieses Buch ist absolut nichts für Zartbesaitete! Korrupte Bullen, fiese Unterweltler,karrieregeile Journalisten, brutale Zuhälter, illegale Nutten. Von der ersten bis zur letzten Seite tummeln sich jede Menge kaputte Typen. Diese Welt ist verdorben und selbst in den Träumen der Helden, die in Wahrheit alles andere als Helden sind, gibt es keinen Trost. Und doch, besser: gerade deswegen, ist Edo Popovićs dreiteiliger Roman “Die Spieler” ein packender Thriller, der einen noch lange verfolgt.

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Helmut Newton: Sumo. Museum für Fotografie Berlin

Samstag, 20. Juni 2009 9:58

Machen wir es kurz: Diese Ausstellung ist eine Unverschämtheit. Da erschien also vor 10 Jahren ein extrem großformatiges Buch mit einem Querschnitt durch Newtons Schaffen, aufgrund der Größe und des Gewichts “Sumo” genannt. Und nachdem sich damals die 10.000 Exemplare zu je 3.000 DM so gut verkauften, einzelne Exemplare heute bei Auktionen Höchstpreise erzielen, was lag da für Verleger Benedikt Taschen näher, als eine Neuauflage zu planen? Für 100 Euro gibt es also “Sumo” jetzt als Ausgabe für jedermann. Tja und die Show im Museum für Fotografie ist nichts weniger als eine große Werbeveranstaltung für diese Neuausgabe. Man nahm sich einfach eins der alten Mega-Exemplare, löste die Bindung und hing die einzelnen gedruckten Buchseiten (!) in drei bis vier Reihen übereinander. Dass den “Kuratoren” dies selbst ein wenig peinlich war, sieht man daran, dass sie noch einige Originale (aus der Privatsammlung Taschens) ohne Zusammenhang in einen extra Raum hingen und danach noch eine Mini-Ausstellung mit Werken von drei Newton-Asisstenten reinschoben. Die Fotos der “Three Boys from Pasadena” (Mark Arbeit, George Holz, Just Loomis) haben aber keinerlei Bezug zu Newtons “Sumo”-Bilder.
Was als Buch, in dem man immer wieder blättern kann, quasi als Werkschau und Retrospektive funktionieren mag, ist als Ausstellung unmöglich. Die 394 Seiten an den dicht behangenen Wänden bilden ein einziges Durcheinander, mal kommt ein “Big Nude”, dann ein Hollywood-Star und dann ein Mode-Shooting für die Vogue. Bleibt also dieser bittere Beigeschmack, der sich verstärkt, wenn man den Museumsshop betritt: Der erste Raum ist von unten bis oben gefüllt mit Büchern von Taschen. So sehen Ausstellungen in Krisenzeiten aus.

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Zoot Woman: We won’t break

Mittwoch, 17. Juni 2009 14:09

Auch wenn das Musikvideo zu “We won’t break” von der britischen Elektro-Band Zoot Woman schon etwas älter ist, sollen an dieser Stelle die kunsthistorischen Zitate genauer unter die Lupe genommen werden. Schon die Fleet Foxes bedienten sich bei der Gestaltung ihres Plattencovers bei einem Gemälde Pieter Bruegels, genannt Bauern-Bruegel (mehr dazu hier). Für Zoot Woman gingen zwei Wiener Studenten einen Schritt weiter und nahmen gleich eine Handvoll Bruegel- und Bosch-Bilder und bastelten eine witzige Animation. Motto: Beim Sound von Zoot Woman können selbst 500 Jahre alte Phantasie-Figuren nicht stillhalten!

Es geht los mit Bruegels “De dulle Greet“. Hier (siehe Screenshot) hängt “Die tolle Grete” stark verkleinert an der Wand in der Mitte der oberen Reihe. Das über 1,60m breite Original befindet sich im Museum Mayer van den Bergh in Antwerpen. Die verrückte Grete schwingt sich also aufs Fahrrad und brennt genauso durch wie schon einige andere Figuren vor ihr. Der gebückte, einen Wagen ziehende Alte stammt beispielsweise aus Hieronymus Boschs “Der Gaukler” (Musée municipal de Saint-Germain-en-Laye). Eine andere Gruppe ist unterdessen mit einem bunten VW-Bus unterwegs. Grete radelt durch Bruegels “Sturz des Ikarus” (Musees royaux des Beaux-Arts, Brüssel), in dem der pflügende Bauer im Vordergrund wohl gerade eine Pause macht. Prompt stürzt Grete Ikarus hinterher ins Wasser. Der Bus fährt in der Zwischenzeit durch die Wildnis hinter Boschs “Johannes der Täufer” (Prado, Madrid) und weiter durch das entvölkerte Bosch-Gemälde “Der büßende Heilige Hieronymus” (Königliches Museum, Gent), welches an der Wand rechts unter der Lampe hängt. Wo sind bloß die vielen Leute hin? Per Schiff und Ballon geht es durch Boschs berühmten “Garten der Lüste” (Prado, Madrid), welcher hier in gleich zwei Ausschnitten (oben rechts, unten links) an der Wand zu sehen ist. Und dann das große Finale: “Party like it’s 1542″ heißt es in Anlehnung an den Prince-Klassiker. Im Hintergrund die Stadtlandschaft von Boschs “Epiphanie-Tryptichon” (Prado, Madrid) und in der Mitte ein Babel-Turm aus einer von Bruegels vielen Darstellungen des Themas.
Ob für die beiden Regisseure Mirjam Baker und Mike Kren die Rechtefreiheit der Bilder der einzige Grund für die Wahl von Bosch und Bruegel gewesen ist, wie sie es beim ORF erzählen? Vielleicht wollten sie eher den schrägen, oft zwielichtigen, gruseligen Figuren endlich auch einmal etwas Spaß gönnen?!
Und jetzt noch einmal das komplette Video bei tape.tv!

Thema: Kunst | Kommentare (2) | Autor: Steffen

Matthias Frings: Der letzte Kommunist

Montag, 15. Juni 2009 13:09

Das Leben des Schriftstellers Ronald Schernikau ist so voll von geschichtsträchtigen Episoden, dass man sich fragt, warum erst 18 Jahre nach seinem Tod eine umfangreiche Biographie erscheint. Aber schon nach ein paar Seiten in Matthias Frings’ dickem Buch “Der letzte Kommunist. Das traumhafte Leben des Ronald M. Schernikau” wird klar, warum so viel Zeit vergehen musste. Um die Geschichte und vor allem den Ideenkosmos Schernikaus nachvollziehbar zu erzählen, braucht man einfach Zeit. Denn einen, der stets gegen den Strom schwamm und immer zwischen allen Stühlen saß, kann man nicht einfach so nebenbei abhandeln.

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Thema: Literatur | Kommentare (0) | Autor: Steffen

Mark Braun Architekten: Spreedreieck Berlin

Samstag, 13. Juni 2009 11:02

Mark Braun: Spreedreieck, Berlin FriedrichstraßeBerlin Friedrichstraße, Ecke Reichs- tagsufer. An dieser Stelle sollte es stehen, Mies van der Rohes spitzes Glashochhaus. Die Entwürfe aus dem Jahr 1921 sind inzwischen so etwas wie Inkunabeln der Moderne. 20 Geschosse sollte es hoch sein und über einen inneren Erschließungskern mit Fahrstühlen, Treppen und Versorgungsräumen verfügen, so dass an den Außenseiten viel Platz für Glas wäre. Gebaut wurde das Haus nie. Nicht ganz hundert Jahre später verkaufte Berlin das Grundstück. Alles, was darauf gebaut werden würde, müsste sich mit Mies’ Meisterstück messen lassen.
Viel ist inzwischen über das Projekt Spreedreieck geschrieben worden, es existiert sogar ein eigener Wikipedia-Eintrag. Besonders vernichtend an dem von Mark Braun entworfenen Hochhaus fiel Dieter Bartetzkos Kritik in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung aus. Dabei zitiert Braun, der in den späten 90ern für Sir Norman Foster die Leitung des Reichstag-Umbaus übernahm, an einigen Stellen den alten Entwurf. Politik, Bürokratie und sonstiges Hin und Her machten aus Brauns ursprünglichen Entwurf mit 40 Stockwerken einen düsteren, mittelmäßigen Kompromiss. Wie soll ein Hochhaus seine Wirkung entfalten, wenn es nicht hoch sein darf? Doch noch ist der Bauzaun nicht abgebaut und die Mieter, die Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young, nicht eingezogen. Und wer weiß, vielleicht gewöhnt man sich mit der Zeit auch an einen Kompromiss. (Nachtrag August 2009: Die originalen Entwürfe von Mies van der Rohe gibt es noch bis Anfang Oktober in der Ausstellung “Modell Bauhaus” zu sehen.)
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Max Beerbohm: Enoch Soames

Freitag, 12. Juni 2009 9:05

Sind es wirklich Ruhm und Ehre, für die Schriftsteller schreiben? Max Beerbohm, englischer Kritiker, Essayist und Karikaturist, ist dieser Frage 1919 in seiner Erzählung “Enoch Soames” im Band “Seven Men” konsequent nachgegangen. Denn was passiert mit Autoren, wenn sich Erfolg und Anerkennung auch nach Jahren nicht einstellen? Bei Beerbohm werden sie vom Teufel geholt!

Doch der Reihe nach: Da ist also der verlotterte, erfolglose Autor Enoch Soames, dessen Texte zwar veröffentlicht, aber von niemandem wahrgenommen werden. Der Erzähler Beerbohm erlebt über die Jahre den Abstieg seines Kollegen und wird schließlich Zeuge, wie dieser einen Pakt mit dem Teufel eingeht. Enoch will nichts anderes, als genau 100 Jahre später, also 1997, für einige Stunden im Lesesaal des British Museum in Lexika nach Spuren seiner Schriftstellerexistenz suchen. Doch zu seinem großen Unglück findet er keine Artikel und Abhandlungen über seine Bücher, sondern etwas über Beerbohm.

Und genau hier bekommt  Beerbohms Künstlertragödie einen ordentlichen Schuss Science Fiction, so philosophisch, dass Stanisław Lem die Geschichte sicher gemocht hätte. Soames liest nämlich, dass Beerbohm über ihn eine Geschichte schrieb - also genau jene, die wir auch gerade lesen! Seine Notizen aus einem Lexikon bestehen aus einer Art Lautschrift, denn in 100 Jahren hat sich nicht nur das Aussehen der Menschen (Uniformen, kurzgeschorene Haare), sondern auch die Sprache verändert. Und in diesem Artikel wird er selbst zum fiktiven Charakter gemacht. Völlig willenlos und gebrochen lässt sich Soames vom Teufel holen. Doch das raffinierte Spiel mit Realität und Fiktion geht weiter - auch wenn der Text zu Ende ist. Denn damit Enoch nie vergessen wird, hat sich eine nach ihm benannte Society gegründet. Doch hätte das der Teufel nicht wissen müssen?

Thema: Literatur | Kommentare (0) | Autor: Steffen