Beiträge vom April, 2009

Schulze, Kästner, Kracht - Welt-Edition ab Mai

Donnerstag, 30. April 2009 7:19

Zugegeben, die Idee ist nicht gerade neu. Erst die Süddeutsche, dann der Spiegel und viele andere Zeitungen und Magazine. Einige Titel der Roman-Edition “Die Welt erlesen“, in der ab Mitte Mai die Tagesszeitung Die Welt mit der Hilfe des Aufbau-Verlags insgesamt 25 Bücher zu je 9,95 € herausgibt, sind dennoch eine Entdeckung wert. Anlass ist der 60. Jahrestag der Bundesrepublik und mit Andersch, Böll, Kästner, Kempowski und Lenz werden auch einige deutsche Klassiker neu aufgelegt. Spannender sind aber Texte, die man bislang noch nicht zum “Kanon” zählte: Mit Johannes Bobrowskis “Levins Mühle“, Franz Fühmanns Erzählung  “Das Judenauto” und Reiner Kunzes “Die wunderbaren Jahre” finden sich einige erstklassige Beispiele der DDR-Literatur. Und mit Christian Krachts “Faserland” und Ingo Schulzes “Simple Storys” sogar zwei große Bücher jüngerer Autoren. (Alle Titel bislang nur hier.)

Thema: Literatur | Kommentare (0) | Autor: Steffen

Philippe Bertrand: Patacloc

Mittwoch, 29. April 2009 7:59

Was passiert eigentlich, wenn die Menschheit immer so weitermacht mit der Umweltzerstörung? Diese Frage stellten sich ja schon viele Schriftsteller. Der Franzose Philippe Bertrand hatte eine besonders originelle Idee: Haben sich die Menschen erst einmal selbst ausgerottet, übernehmen mutierte Insekten die Macht. Und was passiert mit der Weltstadt Berlin? Die Gebäude verfallen zwar, doch übt die Stadt nach wie vor eine große Anziehungskraft aus, auch und gerade auf Insekten. Allerdings gibt es eine gefährliche, Käfer mordende Geheimgesellschaft, die die Einwohner der dunklen, schmutzigen Metropole in Angst und Schrecken versetzt. Titelheld Jeremias Patacloc, eine französische Mücke, folgt einer Einladung des Humanwissenschaftlers Professor Pluto (alte Grille) nach Berlin. Doch als er in der Humboldt-Universität eintrifft, hängt der Professor aufgeschlitzt von der Decke. Schnell wird Jeremias verdächtigt, gerät in das Visier der Ermittlungen. Zum Glück lernt er aber den Journalisten Leberecht (Maikäfer) kennen, der ihm aus der Patsche hilft. Und zu einem echten Krimi gehört ja auch immer etwas Liebe: Jeremias verguckt sich in die Libelle (mit Wespentaille) Charlotte de la Motte, die auf geheimnisvolle Weise mit den Morden zu tun hat. Dank vieler witziger Einfälle, einer spannenden (und oft auch blutrünstigen) Geschichte und niedlichen Illustrationen (der Autor ist auch Comic- und Trickfilmzeichner) sind die 140 Seiten ein großes Vergnügen. Ob Bertrand mit seinem Mini-Roman ein paar schlimme Nächte in einem ranzigen Berliner Hotel (Kakerlaken in der Dusche, Käfer unterm Bett) verarbeitet, ist allerdings nicht bekannt. (Erschienen bei Jacoby & Stuart.)

Thema: Literatur | Kommentare (1) | Autor: Steffen

Hanns-Josef Ortheil: Lesehunger

Montag, 27. April 2009 15:42

Eigentlich möchte man der wütenden Amazon-Rezensentin Helga Kurz zustimmen: Dieses Buch ist an vielen Stellen “deliziös wortüberfrachtet”, der Autor “schwadroniert”, ein Buch für ein “Schöner-Wohnen-Publikum”. Auch die Idee, den gesamten Text wie ein ungezwungenes Gespräch über Lesen, Essen und Trinken aufzubauen, ist nicht gerade originell und wirkt oft regelrecht peinlich. Es ist eine Frau, die den älteren Dichter besucht und bewundernd solch Sätze sagt wie: “Hat die französische Literatur Ihre Liebe erwidert, wurden Ihre Bücher auch ins Französische übersetzt?” oder “Wir sitzen auf dieser kleinen Veranda mit all diesen Büchern wahrhaftig wie auf dem Absprung nach Süden…” - Es ist kaum auszuhalten! Die Antworten auf solche Zwischenrufe sind ein Sammelsurium an beliebig wirkenden Notizen über unterschiedliche Lektüren. Als ob ein großer Zettelkasten mal endlich in eine Form gebracht und veröffentlicht werden sollte. Doch dann: Bei all den vielen Lesetipps vom Yoga-Buch bis zum Diätratgeber (Ortheils eigene Bücher dürfen natürlich auch nicht fehlen) findet man interessante Perlen wie das “Kopfkissenbuch der Dame Sei Shonagon”. Kurz: Ortheils Buch ist eine zwiespältige Lektüre, allerdings mit ein paar echten Lektüretipps.

Thema: Literatur | Kommentare (0) | Autor: Steffen

Was liest eine Präsidentengattin?

Samstag, 25. April 2009 9:53

Spätestens seit dem großen Erfolg von Alan Bennetts wunderbarem Buch “Die souveräne Leserin” über das Leseverhalten von Königin Elisabeth II. ist bewiesen, dass die Leute wissen wollen, mit welcher Lektüre sich Prominente beschäftigen (bzw. beschäftigen könnten). Vor kurzem tauchten im Nachlass des 26. amerikanischen Präsidenten Theodore Roosevelt (1858-1919) eine Menge Briefe seiner zweiten Frau Edith Kermit (1861-1941) auf, mit denen sie nach dem Tod ihres Mannes bei der New York Society Library Bücher bestellte und in denen sie die bereits gelesenen kommentierte. Auch wenn man davon ausgeht, dass Edith Roosevelt viele Briefe vernichtete, sind fast 600 erhalten und die schönsten noch das gesamte Jahr in einer Ausstellung zu sehen. Doch was hat Edith Roosevelt nun gelesen? Sie begann mit Agatha Christi, dem Bloomsbury-Dichter Lytton Strachey und einem Sachbuch über chinesische Bontanik. Rechnet man alle erwähnten Bücher zusammen, muss die Witwe bis zu vier Bücher in der Woche verschlungen haben. Wobei ihr die modernen Zeitgenossen wie John Steinbeck, Walt Whitman, Mark Twain, Henry James und Thomas Mann weniger zusagten und sie Gustave Flauberts “Madame Bovary” regelrecht verabscheute. Am liebsten las sie Krimis - aber nur solange Sex keine allzu große Rolle spielte. Ihre Lieblingsautorin war Jane Austen, deren Romane sie sogar mehrfach durcharbeitete! Mehr über Edith Roosevelt und ihre Korrespondenz mit der Bibliothekarin Marion King beim New Yorker oder der New York Times.

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Emil Fahrenkamp: Shell-Haus in Berlin

Freitag, 24. April 2009 9:56

Emil Fahrenkamp

Gebaut für die Rhenania-Ossag Mineralölwerke, dann Verwaltungsgebäude der Shell AG, bis vor kurzem noch Sitz der Bewag und jetzt Hauptverwaltung der Gasag - das Gebäude am Berliner Reichpietschufer, genau parallel zum Landwehrkanal hat schon einigen Firmen als Sitz gedient. Errichtet wurde es 1930-31 nach Plänen des Aachener Architekten Emil Fahrenkamp, der während des Nationalsozialismus im Umfeld von Herrman Göring weiter in Deutschland arbeitete. Es sind die um die Ecken gebogenen Fenster und Travertinplatten der wellenförmigen Fassade, die das Haus so berühmt machen und nach der  Restaurierung im Jahr 2000 noch prächtiger aussehen lassen. Jeweils nach zwei Fensterachsen steigert Fahrenkamp die Geschosshöhe. Die umlaufenden Fensterbänder mit ihren asymmetrischen Stahlrahmen halten das ganze Gebäude zusammen. Ein moderner Klassiker!

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Colm Tóibín: Mütter und Söhne

Donnerstag, 23. April 2009 12:11

Wenn es einen Song gibt, der die Stimmung von Colm Tóibíns kürzlich bei Hanser erschienenden Geschichtenband “Mütter und Söhne” am besten trifft, dann Leonard Cohens “Famous Blue Raincoat”. So schwermütig und melancholisch ist nicht nur die Erzählung von Lisa, die dieses Lied früher einmal selbst gesungen hat. (Jetzt stöbert ihr Sohn in alten Platten und zwingt seine Mutter, sich wieder mit der tragischen Vergangenheit auseinanderzusetzen.) Auch wenn Nancy in der Geschichte “Die Parole” vor ihrem kleinen Fast Food-Laden mitten in der Nacht den Schmutz ihrer Gäste wegräumt, damit die Nachbarn nicht noch häufiger hinter ihrem Rücken über sie reden oder die betagte Molly in “Ein Priester in der Familie” ganz allein herausfindet, dass ihr erwachsener Sohn wegen Kindesmißbrauchs vor Gericht kommt - immer dann sind Cohen-Songs der passende Soundtrack. Dass die Mütter all dieser Jungen und Männer in den zehn Geschichten mal mehr oder mal weniger auftauchen, dass oft die Perspektiven wechseln - mal wird aus der Sicht des Sohnes, mal aus der Sicht der Mutter erzählt - machen das Buch insgesamt eher zu einem Band mit Familiengeschichten. Doch wie auch schon in Tóibíns hochgelobten Roman “Porträt des Meisters in mittleren Jahren” sind es nicht die Ereignisse, die fesseln, sondern die ergreifenden Innenansichten der Figuren und ihr oft so schwieriges Miteinander. Während hin und wieder auch typische Irland-Bilder auftauchen, ist die quasi zeitentrückte Geschichte “Ein langer Winter” jedoch am beeindruckendsten und stärksten. Der Ire Tóibín, der auch lange Zeit in Spanien lebte, erzählt hier von einer kleinen Familie in den spanischen Bergen, deren Mutter und Ehefrau in Wut wegläuft und in einem schweren Schneesturm umkommt. Wie Vater und Sohn damit zurechtkommen, wie sich der Sohn später ohne viele Worte mit einem ins Haus geholten Angstellten anfreundet, wie die wortkargen Dorfbewohner auf die Außenseiterfamilie reagieren - all dies ist so eindringlich beschrieben, dass die Geschichte am besten doppelt so lang geworden wäre.
Doch mit dem Anfang Mai in Großbritannien erscheinenden Roman “Brooklyn”, der von einer Irin erzählt, die sich in den 1950er Jahren auf nach New York macht, gibt es bald wieder mehr Lesestoff von Tóibín. Für die Zwischenzeit empfiehlt sich die Lektüre der Kurzgeschichte “The Color of Shadows” beim New Yorker!
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Relaunch bei Monopol

Mittwoch, 22. April 2009 14:36

Morgen erscheint Monopol, laut Untertitel das Magazin für Kunst und Leben, in einem neuen Layout. (Der Internet-Auftritt soll folgen.) Und da das Heft nach fünf Jahren auch inhaltlich überarbeitet wurde, hier schon eine knappe Kurzkritik.
Layout: Klassischer, sachlicher, hoffentlich auf Dauer nicht langweiliger. Der obere Seitenteil bekommt eine Art Reiter, so weiß man jederzeit, wo man sich im Heft befindet.
Texte: Neue Rubriken, u.a. über Musik und Belletristik. Nette Idee, doch weiter sollte das Themenspektrum nicht werden. Sonst wird aus dem Kunst- ein Lifestyle-Magazin. Interessant: Wie beim Konkurrenten Art kommt mit einer Prominenten-Serie jetzt auch “alte” Kunst ins Heft (dort besprechen derzeit Schriftsteller Porträts, hier schwärmt Baselitz von Stubbs).
Bilder: Ein langes Portfolio mit bislang unveröffentlichten Fotografien bringt Ruhe in die Heftmitte.
Format: Ein Hauch kleiner als früher, dafür im Mai 14 Seiten mehr als im April.
Preis: Immer noch stolze 7,50 €.
Fazit: Wenn das Team es jetzt auch noch schafft, diesen oft fragwürdigen “Krümelkram” (Meldungen, Kalender, Mini-Kolumnen) unter einen Hut zu bringen, weiter auf ausführliche Texte wie im Mai (Interview mit Damien Hirst, Kurzgeschichte von Daniel Kehlmann) setzt und dann nicht wieder zu einem hektisches Hype-Theater zurückfällt, wird alles gut!

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Personalisierte Klassiker von Penguin

Dienstag, 21. April 2009 19:23

Der amerikanische Verlag Penguin setzt im Zuge des allgemeinen E-Book-Hypes nicht allein auf digitale Versionen von Büchern. Auf dem Portal Penguin Personalized 2.0 lassen sich für gerade mal 17 Dollar personalisierte Ausgaben von großen Klassikern der Literaturgeschichte erstellen. Wer also gern Bücher wie “Huckleberry Finn”, den “Zauberer von Oz” oder die “Schatzinsel” verschenkt, kann jetzt Foto und Text hochladen und (so lange es noch gedruckte Bücher gibt) seinem Lieblingswerk eine persönliche Note verleihen. Alternativvorschlag:  Man entwirft einfach ein zweites Cover und behauptet, das vorliegende Buch stammt in Wahrheit von einem selbst und nicht von Mark Twain, Frank Baum oder Robert Louis Stevenson!

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“Alice” - Neue Erzählungen von Judith Hermann

Sonntag, 19. April 2009 9:14

Ihr neues Buch ist noch nicht einmal offiziell auf dem Markt, da bekommt Judith Hermann schon den renommierten Hölderlin-Preis der Stadt Bad Homburg. Selbst wenn Hermanns bisheriges Werk nicht sehr umfangreich ist - geehrt wird sie auch für ihre Bücher “Sommerhaus, später” (1997) und “Nichts als Gespenster” (2003) - kaum eine deutsche Autorin der letzten 25 Jahre fand mit ihren Erzählungen so viel Zuspruch und Anerkennung. (Dafür musste sie sich allerdings auch den Titel “Fräuleinwunder” gefallen lassen.) Neben den Büchern von Christian Kracht gehören ihre Texte wohl zu den wenigen, denen die Schublade Popliteratur in den 1990er Jahren nichts ausgemacht haben und die auch dann noch gelesen werden, wenn niemand mehr weiß, wer Benjamin von Stuckrad-Barre war. Natürlich ist “Alice” wieder kein Roman, auch wenn man im Netz noch nichts Genaueres findet. Etwas rätselhaft spricht der Verlag von “Zeiten des Übergangs, des Wartens, des Festhaltens und Loslassens”, die in den neuen Erzählungen angesprochen werden. Am 4. Mai soll das Buch in den Läden liegen, am 22. April  liest Judith Hermann schon einmal im Literarischen Colloquium Berlin daraus (und am 12. Mai im Berliner Radialsystem).

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Richard David Precht: Wer bin ich und wenn ja, wie viele?

Freitag, 17. April 2009 10:42

Dürfen wir Tiere essen? Was sind Gefühle? Gibt es Gott? - Diese und noch viele andere wichtige Fragen stellt der Philosoph Precht sich und dem Leser auf ziemlich lehrreichen 400 Seiten. Gleich zu Beginn des Bestsellers “Wer bin ich und wenn ja, wie viele?” macht er klar, dass sein Buch keine chronologische Geschichte der Philosophie sein will, sich eher vielen offenen philosophischen Fragen widmet, indem - und das ist etwas besonderes für Philosophen - Forschungsergebnisse anderer Wissenschaften einbezogen werden. So berichtet Precht anekdotenreich von naturwissenschaftlichen Experimenten, erzählt von Untersuchungen aus Psychologie, der Verhaltens- und der Hirnforschung. Und gerade das macht seine Gedankengänge in den meisten Fällen so anschaulich: Von einer oft originellen Begebenheit, hin und wieder auch aus dem eigenen Leben, entwickelt er Pro und Contra, wägt ab und überlässt nach einer nachvollziehbaren Argumentation dem Leser den letzten Schluss. Wer sich also eindeutige Antworten, etwa auf die eingangs zitierten Fragen, erhofft, bekommt stattdessen etwas viel Besseres, nämlich das philosophische Rüstzeug, sich selbst auf den Weg zu machen. Und da Precht in fast allen Kapiteln Themen anspricht, die immer wieder nur in Kurzfassung die Tagesnachrichten bestimmen, ist sein Buch auch bestens zum Nachschlagen geeignet, wenn mal wieder nur in zwei Sätzen von z.B. Sterbehilfe, Abtreibung, Klonen die Rede ist.

Thema: Literatur | Kommentare (0) | Autor: mulliner