Urban-Art in Amsterdam: Stencils, Stickers und Graffitis
Sonntag, 15. April 2012 12:33
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Sonntag, 29. Januar 2012 15:24
Martin Rowsons kongeniale Comicvariante von Laurence Sternes “Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman” ist eines dieser Bücher, die man sich weder als E-Book noch als iPad-App vorstellen kann: In Halbleinen gebunden, großformatig, mit Leseband und marmoriertem (!) Vorsatzpapier - schon die ansprechende Ausstattung ist ein echtes Erlebnis.
Doch dann der Inhalt: Rowson erzählt den „Tristram” nicht einfach nur nach, er fügt weitere Ebenen hinzu, setzt Text in eigene, neue Bilder um und spielt auf jede Menge Details des Roman-Klassikers und aus dem Leben des Autors an. Das alles in vollgepackten Comic-Panels, die sich nicht nur der klassischen Comicbildsprache bedienen, sondern in denen außerdem in alle möglichen (und unmöglichen) Richtungen experimentiert wird. Als blättere man durch einen Band mit Kupferstichen im Stil des 18. Jahrhunderts, entdeckt man immer wieder witzige Einzelheiten, die am Bildschirm oder Touchscreen einfach untergehen würden.
Zugegeben: Ganz leichte Kost ist weder Sternes Roman noch Rowsons Graphic Novel (mehr über den Roman und dessen kunsthistorische Deutung hier). Ein Text, der seine eigene Entstehung reflektiert, in dem Erzählzeit und erzählte Zeit so weit wie nur möglich auseinander fallen und in dem Abschweifungen zum Stilprinzip erhoben werden, fordert den Leser intellektuell heraus - bietet für clevere Interpreten zugleich aber unzählige Anknüpfungspunkte.
Von den vielen, die sich Martin Rowson, im Hauptberuf politischer Karikaturist beim Guardian, herausgesucht hat, sei an dieser Stelle nur auf die kunsthistorischen verwiesen: Dass Künstler des 18. Jahrhunderts wie Wright of Derby, Hogarth und Piranesi zitiert werden, liegt auf der Hand. Aber außerdem bedient der Autor sich ebenfalls bei Leonardo da Vinci, Aubrey Beardsley oder George Grosz - nimmt also, wenn es ihm gerade passt, Sternes rote Fäden auf und zieht sie weiter bis in die Gegenwart. So schreibt Rowson ganz im Sinne Sternes den Roman immer weiter, schweift dabei natürlich immer wieder ab und überlässt es den Leser, offensichtliche Lücken und Sprünge mit Sinn zu füllen. Dabei ist das Buch geradezu ein Steinbruch tausender kreativer Ideen und jede Lektüre kann zu einer neuen Deutung führen.
Nach den neuen, bzw. wieder neu aufgelegten Sterne-Übersetzungen von Michael Walter (hier und hier) gehört jetzt also auch Rowsons Graphic Novel in das Bücherregal jeden deutschsprachigen Tristram-Fans!
Martin Rowson:
“Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman
Nach Laurence Sterne”
Knesebeck Verlag München 2011
26,5 x 21,5 cm, Halbleinen, 176 Seiten, 551 Abb.
24,95 € (D), 37,90 sFr, 25,70 € (A)
ISBN 978-3-86873-370-9
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Mittwoch, 4. Januar 2012 13:22
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Sonntag, 6. November 2011 0:26
Als regelmäßiger Museumsgänger kann ich es schon lange nicht mehr hören: Blockbuster hier, Warteschlange da. Sonderausstellungen werden immer häufiger zu Mega-Spektakeln inszeniert, bei denen offensichtlich allein die Besuchermassen zählen.
Dass es auch anders geht, zeigt eine Ausstellung im neuen Kölner Kulturquartier. Zugegeben: Im Foyer musste ich den Eingang zum Ausstellungssaal suchen und auch der erste Eindruck drinnen war anfangs ernüchternd. Die halbhohen Zwischenwände sind hellgrau gestrichen. Jeweils am Beginn der 17 thematisch geordneten Abschnitte gibt es kräftige Farbfelder, auf denen Wandtexte stehen und die mit Mustern aus dem Ausstellungskontext dezent geschmückt sind. Die Architektur ist also sehr zurückhaltend und auch das Licht wird nicht zu theatralischen Effekten eingesetzt. Diese Zweckmäßigkeit erweist sich aber schon nach ein paar Metern als absolut richtige Entscheidung. Denn nur so konzentriert man sich auf die oft kleinen Ausstellungsstücke, nur so kann man sich auf manchmal nur millimetergroße Einzelheiten einlassen.
Thema der Ausstellung ist die Heilige Stadt Köln als Kunst- und Kulturzentrum des Mittelalters. In kleinen Abschnitten werden manchmal Kunstgattungen (z.B. Elfenbeinschnitzerei, Skulptur des 12. Jahrhunderts, Tafelmalerei), manchmal gattungsübergreifende Themen vorgestellt (z.B. Kirche und Staat, Gottesmutter, Bürgertum, Handel). Gerade diese Mischung macht den Rundgang abwechslungsreich, des Öfteren stellt sich ein Aha-Effekt ein (”Das habe ich doch vorhin schon einmal ähnlich gesehen.”) Allerdings empfehle ich entweder den umfangreichen Audioguide oder den dicken Katalog mit kurzen Texten zu allen Stücken (im Museumsshop 39,00 €). Nur die einleitenden Kapiteltexte in der Ausstellung wären mir zu wenig Informationen.
Buch- und Glasmalerei, Skulpturen aus Holz und Stein, Textilien, Gemälde - das Kölner Kunsthandwerk des Mittelalters wird in seiner gesamten Breite mit Werken aus der Sammlung des Museums Schnütgen und etwa 160 Leihgaben aus den großen Museen der Welt dargestellt. Und diese vielen kostbaren Leihgaben aus z.B. Washington, Los Angeles oder London machen die Ausstellung zu einem absolut sehenswerten Erlebnis. Allein die ungewöhnlichen, anspielungsreichen Motive des Tafelbildes “Christus am Lebenden Kreuz” aus Chicago verdienen ein intensives Studium im Original. Denn bei aller hochauflösenden Darstellung im Netz - nur das echte, dreidimensionale Werk kann seine Wirkung vollends entfalten. Und da, auch wenn die Versuchung groß ist, natürlich kein originales Kunstwerk berührt werden darf, haben die Ausstellungsmacher eine Faksimile-Ausgabe einer Handschrift ausgestellt, die man mit Handschuhen ausnahmsweise eben doch anfassen kann. So wird die Ausstellung (läuft noch bis zum 26.02.2012) zu einem Ereignis, dass allein durch die ausgestellten Werke, den vermittelten Inhalten beeindruckt. Ganz ohne riesige Marketing-Maschine.
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Dienstag, 1. November 2011 19:16
Am 4. November öffnet im Museum Ludwig eine große Einzelausstellung mit Werken der Künstlerin Cosima von Bonin (mehr zur Ausstellung hier). Auf der Südseite des Museums stehen drei Tage vor Eröffnung unter freiem Himmel und offen zugänglich die großen Skulpturen “Tagedieb” (2010) und “Smoke” (2008, Cosima von Bonin zusammen mit Michel Würthle). Im letzten Jahr wurde die Installation bereits in Wien gezeigt, damals hing eine Spinne an der über 2,5 Meter langen Nase des offensichtlich lügenden Pinocchio (mehr zur Konstruktion hier). Aus der Zigarette am Laternpfahl qualmte bunter Neon-Rauch. Doch noch ist der Bauzaun nicht entfernt, bis zur Eröffnung wird die Installation in Köln sicher noch um Spinne und Stromanschluss ergänzt.
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Sonntag, 23. Oktober 2011 16:19
Vor mehr als 250 Jahre wurde Laurence Sternes erster Band des Romans “Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman” veröffentlicht. Heute zählt das neunbändige Werk nicht nur zu den großen Klassikern der Weltliteratur, es fordert immer wieder auch neue Interpretationen heraus. Ob die vor kurzem auf Deutsch erschienene Graphic Novel des englischen Künstlers Martin Rowson oder das Buch des Kunsthistorikers Werner Busch, der in sechs Kapitel Sternes Roman nach Verbindungen zur bildenden Kunst untersucht - es liegt an Struktur und Form des “Tristram Shandy” selbst, dass er ständig neue Auslegungen provoziert.
Der vollkommene Verzicht auf Chronologie (mehr zum Inhalt u.a. hier), die bewusste Mehrdeutigkeit, das Aufbrechen der klassischen Erzählstrukturen durch etliche Assoziationen und Abschweifungen (Digressionen) machen den Roman zum Vorläufer von postmoderne Bücher z.B. von David Foster Wallace (mehr zum Thema Digression hier).
Dass Laurence Sterne an vielen Stellen auf Werke der bildenden Kunst (v.a. Gemälde und Druckgrafik) nicht nur anspielt, sondern sie teilweise sogar wortwörtlich umsetzt, davon erzählt Werner Busch mit geradezu kriminalistischem Spürsinn. Auch für den Leser, der über keine großen Kenntnisse der englischen Kunst des 18. Jahrhunderts verfügt, sind die Kapitel trotz mancher (angekündigter) Abschweifung nachvollziehbar und schlüssig aufgebaut. Sterne wird oft in deutscher Übersetzung zitiert und kleine schwarzweiße Abbildungen zeigen die erwähnten Kunstwerke - so wird es uns leicht gemacht, den mitunter anspruchsvollen Gedankengängen Buschs doch leicht zu folgen.
Dabei geht es dem Autor jedoch um mehr, als um ein reines Auffinden von bislang unentdeckten Bildzitaten. Vielmehr wird Sterne in philosophische und kunsttheoretische Traditionen etwa von John Locke und Robert Burton gestellt. Und es werden - für einen kunsthistorischen Text eher unüblich - Parallelen bis in die Gegenwart gezogen, z.B. zu Arbeiten von Marc Quinn oder Irene Dische.
Zu den Künstlern, deren Werke sich Sterne als Vorbild und Inspiration für seinen Roman ausgesucht hat, gehören u.a. Anton van Dyck, William Hogarth und Annibale Carracci. Oft rekonstruiert Busch nicht nur die theoretischen Hintergründe des sog. “Borrowing”, sondern geht ganz praktisch der Frage nach, wo Sterne dieses oder jene Kunstwerk hätte sehen können. All diese Herleitungen sind nicht nur spannend zu lesen, sondern auch reich an zeitgeschichtlichen Hintergrundinformationen zur englischen Kunst und Gesellschaft im 18. Jahrhundert.
Werner Busch auf diesen Wegen zu folgen ist ein großes intellektuelles Vergnügen. Sein Buch macht zudem wie von selbst Lust auf die (erneute) Lektüre des “Tristram Shandy”. Es lädt ein zur Beschäftigung mit einem Roman, der nicht nur subtil an klassischen Gattungsgrenzen kratzt, sondern dank seiner Mehrdeutigkeit und Sinnoffenheit noch so lange nach seinem Entstehen unsere Phantasie anregt.
Werner Busch:
“Great wits jump. Laurence Sterne und die bildende Kunst”
Wilhelm Fink Verlag München 2011, 236 Seiten, 87 s/w Abb.,
Franz. Broschur, EUR 29.90 / CHF 41.90
ISBN: 978-3-7705-5216-0
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Samstag, 20. August 2011 13:51
Eigentlich wurde ja schon oft genug geschrieben, wie toll die Romane des Walisers Jasper Fforde sind (zuletzt z.B. hier, hier und hier). Seine Romanreihe um die Heldin Thursday Next (siehe auch den Wikipedia-Eintrag) ist aber so abgefahren und unterhaltsam, dass ich hier noch einmal eine dringende Leseempfehlung für all jene aussprechen möchte, die sich sonst eigentlich nur für die großen Literaturklassiker interessieren. Fforde ist ein hervorragender Kenner der Literaturgeschichte, er hat aber so viel Fantasie und Witz, dass er bekannte Geschichten von Dickens, Poe, Kafka, Austen usw. nicht einfach nur umschreibt oder ihnen Helden entnimmt und sie z.B. in die Gegenwart versetzt. Nein, das Allergrößte an Ffordes Romanen ist, dass er unbändige Lust auf das Lesen der Klassiker selbst macht. Allein die Handlung von “Der Fall Jane Eyre”, dem ersten Buch der Folge, ist verrückt genug, aber wie Fforde dem unwissenden Leser (ich gehörte dazu) vorgaukelt, dass Charlotte Brontës Roman ein ganz anderes Ende hätte und erst Literaturagentin Thursday Next durch ihr Eingreifen das Ende so hinbiegt, wie es heute wirklich im Buch steht - das ist ziemlich gerissen. Da einige Personen in Ffordes Büchern in andere Texte einsteigen und immer dann, wenn der Erzähler nicht da ist, sozusagen hinter den Kulissen agieren, bekommen wir die Romanklassiker noch einmal (bzw. zum ersten Mal) aus ungewöhnlicher Perspektive präsentiert. Ja, Fforde hat sich sogar Gedanken gemacht, wie unterschiedlich man sich in den Romanwelten je nach Erzählperspektive des Textes bewegen kann.
Und weil im Dezember eine neue Verfilmung von “Jane Eyre” in die Kinos kommt, die schon jetzt als Meisterwerk gefeiert wird und dtv die Thursday Next-Reihe in einer kitschig-bunten neuen Edition herausbringt, ist genau jetzt der richtige Zeitpunkt, Ffordes Bücher zu lesen und sich von seiner Literaturbegeisterung anstecken zu lassen!
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Sonntag, 5. Juni 2011 21:38
Ein großartiges Kunstereignis wirft seine Schatten voraus: Im September 2011 findet in Köln zum ersten Mal das Cityleaks Festival statt. Neben klassischen Ausstellungen sind künstlerische Eingriffe von nationalen und internationalen Künstlern der Street- und Urban Art-Szene in das (oft triste) Kölner Stadtbild geplant. Anfang Juni startete das Projekt mit zwei großen Wandbildern in der Straße Am Kümpchenshof, nicht weit vom Hansaring und dem Mediapark. Vom Italiener BLU stammt der zeitgemäße Kopf der Medusa (wer ihr, oder hier: ihm, in die Augen sieht, versteinert) und vom Kölner Kollektiv Captain Borderline der Blick in die Funktionsweise einer Gehirnwaschmaschine: “In the Streets of Cologne”. (Beide Arbeiten sind auf den Fotos hier noch nicht ganz vollendet. Vor allem BLU ist bekannt für seine Filme, auf denen er das Entstehen seiner Werke festhält. Auf seinem Youtube-Kanal ist sein Kölner Projekt aber noch nicht zu sehen.)
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Sonntag, 22. Mai 2011 13:16
Jeder Kunstinteressierte kennt das ja: Entweder sind die Reproduktionen von Kunstwerken in einem Katalog, einer Monographie oder einem Sammelband gut und dann taugt der Text nichts. Oder umgekehrt fehlen bei einem guten Text Fotografien der besprochenen Werke in angemessener Qualität. Eine der wenigen Ausnahmen ist das vor kurzem bei Dumont erschienene, vom Kunsthistoriker Christopher Dell herausgegebene Buch “Das Geheimnis der Meisterwerke. Was große Kunst auszeichnet.”
Zugegeben, der deutsche Titel des 2010 bei Thames & Hudson erstmals veröffentlichten Bandes ist recht plakativ. Im Englischen heißt es offener: “What Makes a Masterpiece? Encounters with Great Works of Art.” Wer die Einleitung des Herausgebers liest, bekommt auch schnell mit, dass es hier auf gar keinen Fall um einen verbindlichen Kanon der Meisterwerke geht. Über 50 Autoren unterschiedlicher Herkunft stellen in über 80 kurzen, hervorragend illustrierten und chronologisch geordneten Kurzessays Höhepunkte der Kunstgeschichte vor. Auf Donatellos “David” (um 1440) folgt ein etwa gleichzeitig entstandener Aztekischer Adlerritter eines unbekannten Künstlers oder auf Giottos Fresken für die Scrovegni-Kapelle in Padua (ab 1303) die Beschreibung des “Wasser-Mond Avalokiteshvara”, einer riesigen koreanischen Seidenmalerei. Auch wenn es im Verhältnis wenige außereuropäische Beispiele sind, so wird doch der Blick über den Tellerrand gewagt - mit großem Erkenntnisgewinn für uns Leser!
Natürlich dürfen bei so einem Kunstband die “üblichen Verdächtigen” nicht fehlen: Leonardo, van Gogh, Rubens, Rembrandt, Turner, Manet, Monet, Vermeer - sie sind alle wieder mit dabei. Doch ein besonders kluger Schachzug ist die Auswahl der Autoren. Es schreiben viele Wissenschaftler, anerkannte Professoren und Experten ihres Fachs aber eben auch Künstler wie Anthony Caro (über Rodin) oder Grayson Perry (über Bosch). Sie alle sind gezwungen uns auf einer bis höchstens drei Seiten das Meisterhafte “ihres” Kunstwerks zu erläutern. Und da die Literatur zu berühmten Werken wie die “Mona Lisa” sicher hunderte Regalmeter (oder Megabyte) einnimmt, sind viele der präganten, aussagefähigen Texte selbst kleine Meisterwerke. Die Texte der deutschen Autoren fallen natürlich besonders ins Auge und gehören zu den Höhepunkten des über 300 Seiten dicken Buchs: Stephan Kemperdick schreibt über Bruegel, Martin Kemp über Leonardo, Werner Busch über Caspar David Friedrich.
“Das Geheimnis der Meisterwerke” gehört nicht zu den schnell auf den Markt geworfenen, billig produzierten Bilderbüchern zur Kunstgeschichte. Gut gebunden, im handlichen Format, mit hervorragenden Abbildungen und größtenteils erstklassigen Texten ist der Band eine Empfehlung für jeden Kunstfan!
“Das Geheimnis der Meisterwerke. Was große Kunst auszeichnet.”
Christopher Dell (Hg.)
304 Seiten, mit 265 farbigen und 20 einfarbigen Abb.
H 27 x B 20 Hardcover
EUR 39,99 [D] / 56,90 sFr.
ISBN 978-3-8321-9364-5
Thema: Kunst, Literatur | Kommentare (2)
Sonntag, 3. April 2011 21:21
Natürlich sind Literaturgeschichten immer auch ein Produkt persönlicher Vorlieben des Autors. Erst recht, wenn es sich wie bei Richard Kämmerlings’ “Das kurze Glück der Gegenwart. Deutschsprachige Literatur seit ‘89″ um Texte, vor allem Romane der letzten 20 Jahre handelt. Noch sind die besprochenen Bücher lange nicht Allgemeingut, auch wenn sie beim Erscheinen gute Kritiken bekamen oder auf den Bestsellerlisten standen. Ob sie irgendwann zum vielbeschworenen Kanon gehören, wird erst die Zukunft zeigen. Doch Kämmerlings, lange Zeit bei der FAZ, jetzt beim Feuilleton der WELT, wählt zwar subjektiv aus, schiebt hin und wieder auch private Anekdoten ein, begründet seine Auswahl in neun nach Themen geordneten Kapiteln jedoch ausgesprochen kenntnisreich und unterhaltsam. Da er sich gerade nicht an Bestsellern abarbeitet oder auf Altbekanntes beschränkt, sondern jede Menge eher weniger bekannte Bücher sehr unterschiedlicher Autorinnen und Autoren vorstellt, ist sein Buch ein Überblickswerk und gleichzeitig ein Appetitanreger, den eigenen Lesehorizont zu erweitern.
Natürlich muss eine ordentliche Literaturgeschichte, vor allem wenn sie ein journalistischer Literaturkritiker und kein universitärer Literaturwissenschaftler geschrieben hat, herausfinden, welches Buch besonders gelungen ist und welches nicht. Hauptkriterium ist für Kämmerlings der Gegenwartsbezug eines Textes. Wie viel von unserer Lebenswelt, den wichtigen Themen unserer Zeit finden wir in den Büchern wieder? Je nach Themengebiet - Berlin, Krieg, Sex, Ost-West, Wirtschaft, Soziales, Familie, Herkunft, Tod - gibt es für ihn mal mehr, mal weniger gelungene Beispieltexte. Es spricht für Kämmerlings Buch, dass er je nach Thema stets zu einem anderen Ergebnis kommt und nicht pauschal überall Lücken konstatiert. Es fehlten z.B. noch gute Romane, die sich mit den Kriegen und Konflikten der Gegenwart auseinandersetzen. Dafür sei das Thema Wiedervereinigung und die Folgen u.a. mit Annett Gröschners “Moskauer Eis” gut aufgearbeitet.
Wer die Kapitel aufmerksam liest und die in größere Zusammenhänge eingebetteten Rezensionen mit eigenen Leseerfahrungen vergleicht, bekommt schnell Lust auf unbekannte Texte. (Martin Klugers Roman “Abwesende Tiere” habe ich mir z.B. auf meine Leseliste geschrieben.) In einem abschließenden Kapitel zählt Kämmerlings noch einmal die für ihn zehn besten Bücher der letzten 20 Jahre auf. (Und ja, irgendwie ist die metaphernreiche Sprache Kämmerlings schnell ansteckend:) Dieses Buch schlägt eine Schneise in das unübersichtliche Dickicht der neuesten deutschsprachigen Literatur.
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