Thomas Bernhard: Alte Meister

Thomas Bernhards Romane sind harte Brocken. Doch sollte man sich nicht täuschen lassen; was auf den ersten Blick wie eine sich stets wiederholende Hasstirade gegen alles und jeden scheint, ist in Wahrheit fein komponierte Sprachkunst, der eine tief melancholische Weltsicht zugrunde liegt. So auch in “Alte Meister” aus dem Jahr 1985:
In diesem Dreipersonenstück erläutert der 83-jährige Reger seinem Bekannten Atzbacher, der am Anfang des Romans der Ich-Erzähler ist, im (real nicht existenten) Bordone-Saal des Wiener Kunsthistorischen Museums seine durch und durch pessimistische Philosophie. Am Rand der Erzählungen tritt hin und wieder nur der als naiv geschilderte Museumswärter Irrsigler auf. In langen Sätzen, lediglich unterbrochen durch die berühmten Einschübe wie: “sagte Reger” oder am Romanende: “schreibt Atzbacher”, ohne Gliederungen durch Kapitel oder Absätze kreist Reger seine großen Themen Musik, Philosophie, Politik und Kunst ein, zerpflückt dabei namhafte Vertreter wie Beethoven oder Stifter, rechnet mit ihnen rigoros ab. Die Art und Weise der Angriffe ist legendär: Der Erzähler kreist das Thema ein, nähert sich ihm aus unterschiedlichen Perspektiven. Dann greift er es direkt an, wobei wichtige Textstellen kursiv gekennzeichnet sind. Danach entfernt er sich etwas, um Anlauf zu nehmen und den gesamten Sachverhalt gebündelt in einer pointierten Wiederholung endgültig zu erledigen.
Da der Roman zum großen Teil in einem Museum spielt, bekommen die Künstler, die Besucher, die Kunsthistoriker ordentlich eins auf die Mütze. An dieser Stelle nur ein großartiges Zitat: “Die Leute begehen in den Museen ja immer den Fehler, daß sie sich zuviel vornehmen, daß sie alles sehen wollen, so gehen sie und gehen sie und schauen und schauen und brechen dann plötzlich, weil sie sich an Kunst überfressen haben, zusammen.”
Doch bei all dem Hass auf den Kunstbetrieb und seine Akteure ist es trotzdem die Kunst selbst, vor allem ein Tintoretto-Gemälde, die Reger Halt gibt und Lebenssinn spendet. Nach und nach erfährt man vom tragischen Tod seiner Frau, der seinen Pessimismus nur verstärkt hat. Und wenn Reger Atzbacher am Ende des Romans mit ins Burgtheater nimmt, so schöpft er aus seiner Ablehnung doch auch neue Kraft: “Die Vorstellung war entsetzlich.”

Dave Eggers: The Circle

Es war nur eine Frage der Zeit, bis ein Schriftsteller das Thema Digitale Revolution mit all ihren postiven und negativen Folgen auf den Alltag in einen gut lesbaren Roman packen würde. Nun ist es also Dave Eggers, der mit “The Circle” hoffentlich bald auch die deutschen Verkaufscharts stürmt. Seine Vision von einer vernetzten Gesellschaft ist gar nicht mehr so weit entfernt von unserer Wirklichkeit; ein Überwachungskandal jagt derzeit mal wieder den nächsten.
Mae, die etwas naive Heldin, gelangt über eine Freundin an einen, auf den ersten Blick großartigen, neuen Job beim IT-Konzern “The Circle”. Doch Seite um Seite werden wir mit ihr tiefer in die Abgründe einer gar nicht so schönen neuen Welt gezogen. Was sind die Folgen einer totalen Vernetzung? Wie sieht das Leben aus, wenn jede Information, vom Lieblingsessen bis zur Krankheit, verfügbar ist und auch verfügbar sein soll? Die Vision wird schnell zum Alptraum.
Besonders clever baut Eggers existente IT-Phänomene ein und führt sie logisch zu Ende. Es gibt u.a. Anspielungen auf die berühmten Keynotes (Produktvorstellungen) von Apple. Vieles erinnert an Amazon (Bewertungssystem), Facebook (Gruppen und Veranstaltungen) und Google (Glass, Campus…). Wie Eggers die Konsequenzen der Technik auf das Leben der Circle-Mitarbeiter schildert, ist erst amüsant (z.B. dass die Firmengründer wie Gurus verehrt werden) und dann erschreckend. Schließlich verliert hier jeder nicht nur das Recht auf Privatheit, durch den Eingriff in komplett alle Lebens-, und Wirtschaftsbereiche gerät letzlich auch die Demokratie in Gefahr.
Bei all den Verknüpfungen zur Gegenwart ist “The Circle” kein Science Fiction und keine Dystopie, sondern ein nahezu realistischer Gesellschaftsroman. Und genau das macht ihn (trotz seiner Konstruiertheit) so wichtig.

Paul Auster: Sunset Park

Zugegeben: Auch wenn ich bislang noch keinen anderen Roman von Paul Auster gelesen habe, stimme ich zwar den zahlreichen Rezensenten im Feuilleton und im Netz in puncto guter Lesbarkeit von “Sunset Park” zu, muss aber gleichzeitig auf das Artifizielle, Künstliche in dem Roman zu sprechen kommen, was alle anderen entweder ignorieren oder als Schwäche des Buches herausstellen.
Zur Handlung nur soviel: In Zeiten der Wirtschaftskrise besetzen vier junge Amerikaner ein leer stehendes Haus in Brooklyn. Im Mittelpunkt steht Studienabbrecher Miles und seine Familie. Er brannte nach dem Tod seines Stiefbruders durch und nähert sich nun, nachdem er die Liebe seines Lebens gefunden hat, langsam wieder seinen Eltern. (Mehr zum Inhalt z.B. hier.)
Was sich anhört wie eine klassische Familientragödie, wird bei Auster überblendet mit vielen anderen zeitlosen Themen wie Generationenkonflikt, finanzielle Krise, Wirren der Liebe, Suche nach sich selbst, Scheitern des Amerikanischen Traums usw. Die Konstruktion, das künstliche Netz hinter allem ist so clever gebaut, dass man die Geschichten als realistische Reportage aus einem Amerika nach dem 11. September lesen kann. Oder aber man steigt tiefer ein in das Buch, versucht die roten Fäden zusammenzulegen: Immer wieder ist vom Zufall die Rede, meist anhand der Biographien von realen Baseball-Spielern. Personen sind sich in der Vergangenheit schon begegnet und wir Leser lernen  einige Kapitel später “zufällig” eine ganz andere Perspektive dieser Begegnung kennen. Alles, was in dem Roman geschieht ist also ganz und gar kein Zufall.
Schließlich die große Frage nach dem Sinn der Krisen, dem Sinn des Scheiterns. Wie soll man all dies aushalten? Die Antwort gibt uns der Roman auf eindringliche und anschauliche Weise: Miles stemmt sich gegen die Verluste und fotografiert als Entrümpler von aufgegebenen Häusern zurückgelassene Gegenstände. Seine Mitbewohnerinnen analysieren Filme, kämpfen für inhaftierte Autoren und zeichnen. Sein Vater versucht seinen Verlag zu retten… Für die Kunst allein also lohnt es sich zu leben und zu kämpfen – auch wenn am Ende offenbleibt, für welchen Weg sich Miles entscheidet.

Colum McCann: Die grosse Welt

Manchmal braucht es einige Jahrzehnte Abstand bis klar wird, dass es sich bei dieser oder jener Aktion nicht um Entertainment sondern um große Kunst handelte. Auch der Franzose Philippe Petit war seiner Zeit weit voraus, als er 1974 auf einem Drahtseil von einem Turm des gerade erst fertig gebauten World Trade Center zum anderen balancierte.
Und manchmal braucht es andere Künstler, die dies erkennen und zum Beispiel mit einem Roman wie “Die grosse Welt” noch viel mehr Menschen von der Einmaligkeit dieser Aktion, heute würden wir es Performance nennen, überzeugen. Der Ire Colum McCann hat dieses Buch 2009 geschrieben. Und auch ohne dass die Zerstörung der Twin Towers im Jahr 2001 explizit angesprochen wird, lädt er den Balance-Akt, der verteilt über den gesamten Roman immer wieder kurz aus anderen Perspektiven geschildert wird, mit Emotionen und Bedeutung auf, dass er uns Leser als einprägsames Bild vom Lauf des Lebens für immer im Kopf bleibt.
Drumherum webt McCann ein Netz von individuellen Biographien einiger New Yorker, die direkt oder indirekt miteinander verbunden sind: Der junge irische Philanthrop Corrigan, der den Prostituierten der Bronx hilft. Sein Bruder, der sich in eine gescheiterter Künstlerin verliebt. Die Frau des Richters, die um ihren in Vietnam gefallenen Sohn trauert… Arm und reich, alt und jung – die unterschiedlichen Stimmen der Stadt bilden einen so mitreißenden Chor, dass man meint 1974 ein paar Tage bei Freunden in New York verbracht zu haben.
Wie sehr sich der Drahtseilakt von damals noch heute als Projektionsfläche eignet, hat nun auch der Regisseur Robert Zemeckis (“Forrest Gump”, “Cast Away”) erkannt: Er arbeitet mit den Schauspielern Ben Kingsley, Ben Schwartz und Joseph Gordon-Levitt gerade an einer 3D-Verfilmung von Petits Memoiren “To Reach the Clouds”.  Schon der Dokumentarfilm “Man on Wire” gewann 2009 übrigens einen Oscar.

Margaret Atwood: Der Report der Magd

Fast 30 Jahre nach seiner Entstehung hat Margaret Atwoods dystopischer Roman “Der Report der Magd” nichts von seiner erschreckenden Wirkung verloren. Im Gegenteil: Einige Details aus der in einer nahen Zukunft spielenden Lebensgeschichte der Magd Desfred sind inzwischen kurz davor Wirklichkeit zu werden. Bevor Desfred wie alle Frauen ihren Job verlor, scannte sie Bücher aus Bibliotheken ein. Als sie ihren Bericht auf Audiokassetten aufnimmt, sind Bücher verboten und komplett aus dem Verkehr gezogen. Nur der Kommandant, in dessem Haus sie als eine der wenigen fruchtbaren Frauen einzig zu dem Zweck der Fortpflanzung gefangen gehalten wird, besitzt einige alte Bücher und Zeitschriften. Auslöser für den in Rückblicken geschilderten, sehr schnellen Umsturz in Nordamerika waren Umweltkatastrophen. Das strenge neue System ist natürlich nur durch totale Überwachung aufrechtzuerhalten.
Was den Roman außer seiner brisanten Themen so lesenswert macht, ist sein raffinierter Aufbau: Desfred berichtet (nach ihrer Rettung oder aus der Gefangenschaft?) aus ihrem trostlosen Alltag, Stück für Stück aber auch aus ihrer Vergangenheit mit Mann, Kind und rebellischer Freundin. Auf den letzten Seiten folgt dann als fiktiver Anhang das Protokoll eines wissenschafllichen Symposiums, das zum einen die Überlieferung des Berichts erläutert und außerdem das gesellschaftliche System als historisches einordnet.
“Der Report der Magd”, 1990 von Volker Schlöndorff verfilmt, ist ein absolut zeitloser Klassiker, der es locker mit Orwell und Huxley aufnehmen kann.

Michel Faber: Die Weltenwanderin

Wer dieses Buch lesen oder die hoffentlich bald im Kino laufende Verfilmung “Under the Skin” unvoreingenommen sehen will, sollte jetzt schnell zum nächsten Beitrag scrollen oder klicken. Denn jeder einigermaßen sachliche Bericht über den 2000 erschienenen Roman kommt nicht ohne Nacherzählung der erschütternden Handlung aus. Das Buch ist auch deswegen so spannend, da man sich als Leser Zusammenhänge und Hintergründe Stück für Stück selbst erschließen muss – wer jetzt weiterliest, bringt sich selbst um dieses Vergnügen!
Worum geht es also? Isserley – scheinbar eine junge Frau – kurvt mit ihrem klapprigen Auto durch Schottland, um einsame, gut gebaute, männliche Tramper einzusammeln. Ihre enorme Oberweite ist dabei meist sehr hilfreich. Die Anhalter ahnen nur, dass mit Isserley etwas nicht stimmt. Als sie nach einer Narkose kastriert und mit herausgeschnittener Zunge in einem engen Käfig aufwachen, ist es für sie zu spät. Isserley wurde als umoperierte Jägerin einer außerirdischen Spezies beauftragt, Frischfleisch als teure Delikatesse für den zerstörten Heimatplaneten zu erbeuten. Ein mit dem letzten intergalaktischen Fleischtransport eingeflogener blinder Passagier entpuppt sich als Tier-, also Menschenschützer und verstärkt Isserleys Zweifel an dem Projekt und an ihrem Leben auf der Erde.
Der Perspektivwechsel Mensch – Tier ist im Roman so brutal und knallhart einleuchtend geschildert, dass dieses Buch auch als Plädoyer für Vegetarismus und gegen Massentierhaltung gelesen werden kann. Die einzelnen Tramperschicksale, Isserleys Vergangenheit und ihr tristes Außenseiter-Leben auf der Erde werden in stimmigen Episoden zwischengeblendet, oft nur angedeutet. Ein zusätzlicher Sog voll unheimlicher, verstörender Spannung entsteht.
Als Regisseur einer Verfilmung kann man sich keinen besseren Künstler vorstellen als den Briten Jonathan Glazer, der mit genialen Musikvideos u.a. zu Massive Attack (“Karmacoma”) oder UNKLE (“Rabbit in your Headlights”) bereits in die Filmgeschichte eingegangen ist. Scarlett Johannson als Isserley ist ebenfalls eine hervorragende Wahl und die ersten Filmtrailer lassen auf ein großes, eigenständiges Werk hoffen. Das Buch selbst ist momentan leider nur noch antiquarisch auf Deutsch lieferbar. Aber vielleicht sorgen der Filmstart oder prominente Fans wie Clemens J. Setz bald für eine Neuauflage.

Neil MacGregor: Shakespeares ruhelose Welt

Von der ägyptischen Mumie bis zur chinesischen Solarlampe: 2010 sendete BBC Radio 4 eine Reihe von 100 jeweils 15-minütigen Sendungen, in denen Neil MacGregor, ehemaliger Direktor der Londoner National Gallery und seit 2002 des British Museum, genau ein Objekt aus den riesigen Sammlungen des Britischen Museums vorstellte. Das im Anschluss veröffentlichte Buch “A History of the World in 100 Objects” wurde ein großer Erfolg und in viele Sprachen, natürlich auch ins Deutsche übersetzt.
2012 widmete sich MacGregor in einer neuen 20-teiligen Reihe dem Thema William Shakespeare. Vor kurzem erschien das begleitende Buch “Shakespeares ruhelose Welt” bei C. H. Beck – genau passend zum diesjährigen 450. Geburstag des großen Dramatikers.
Die einfache und geniale Struktur des Vorgängerbuchs bleibt erhalten: Pro Kapitel wird ein einziges Objekt genauer vorgestellt. MacGregor zitiert Experten, fasst zusammen und ordnet ein. Der große Unterschied: Alle 20 Kapitel drehen sich um Shakespeare – zum Glück überhaupt nicht um seine Person sondern um seine Zeit; London und England des späten 16. und frühen 17. Jahrhunderts.
So beleuchtet MacGregor alle nur möglichen Aspekte, die zum Verständnis von Shakespeares Werken beitragen: Eine verlorene Eisengabel dient zum Einstieg in den Alltag der Theaterwelt um 1600. Über ein Schiffsmodell aus Holz, geschaffen als Dank an Gott für das Überleben auf See, kommt der Autor schnell zum weit verbreiteten Hexenglauben. Über Degen und Dolch zu Macht und Gewalt in der englischen Gesellschaft. Wie selbstverständlich baut er dabei immer wieder Original-Zitate aus “Macbeth”, “Romeo und Julia” und fast allen anderen Stücken ein.
Ob Druck, Gemälde, Buch, Glas, Kleidungsstück, Uhr usw. – immer wird der Zusammenhang zu Shakespeare sofort klar. So macht es nicht nur großen Spaß, dem Autor bei seinen Exkursionen zu folgen, man will sich mit dem neuen Wissen unweigerlich selbst in Shakespeares Texten auf die Suche begeben.
Einen Eindruck vermittelt dieses Video über eine Augenreliquie. (Der Shakespeare-Fan liest nach unter “King Lear”, 3. Akt, 7. Szene!)

 

Dantes Reise durch die Hölle – Die Göttliche Komödie als Gesellschaftsspiel

Dante Alighieris “La Divina Commedia” aus dem ersten Viertel des 14. Jahrhunderts ist einer der großen Klassiker der Weltliteratur. In Italien gehören die Geschichten von Dante, der erst mit dem antiken Dichter Vergil durch Hölle und Fegefeuer, dann mit seiner Angebeteten Beatrice durch den Himmel wandelt, zum Allgemeinwissen. Zusammen mit seinen Zeitgenossen Boccaccio und Petrarca hat Dante die italienische Literatur und Sprache geprägt.
Auch wenn immer wieder neue Übersetzungen ins Deutsche erscheinen, viele Episoden aus der Commedia bis heute andere Autoren, Musiker und bildende Künstler inspirieren, ereilt dem Werk unverdienterweise das Schicksal etlicher Klassiker und wird viel zu selten gelesen. Doch nie war es so leicht, einen Zugang zu Dante und seiner Welt zu bekommen: Schon vor zwei Jahren erschien Seymor Chwasts Graphic Novel bei Knesebeck, in diesem Jahr dann eine gut lesbare und kommentierte Prosaübersetzung von Kurt Flasch bei Fischer und noch bis März zeigt die Bonner Bundeskunsthalle in der großen Ausstellung “Florenz!” einige historische Ausgaben und Darstellungen der Commedia.
Wer aber einmal das Gesellschaftsspiel “Dantes Reise durch die Hölle” des kleinen Innsbrucker Verlags éditions foulland gespielt hat, wird schnell zum wißbegierigen Dante-Fan. Der Spieler wandert durch die neun Höllenkreise, muss Fragen beantworten, Aufgaben erfüllen usw. bis er möglichst als Erster den “Reinigungsort” Fegefeuer erreicht. Natürlich erfährt man dabei viel über Dante, seine Zeit, italienische Geschichte und Politik, antike Mythologie und Christentum. Und nicht zuletzt die Details aus den Illustrationen von Gustave Doré regen dazu an, nach dem Spiel nachzuschlagen welche Strafe welchen Sünder erwartet. Das liebevoll gestaltete Spiel war ein Crowdfunding-Projekt bei startnext und da es mit dem Inferno “nur” ein Drittel der Commedia abdeckt, kann man nur hoffen, dass Fegefeuer und Himmel in den nächsten Jahren folgen.

Dantes Reise durch die Hölle

Jacek Dehnel: Saturn. Schwarze Bilder der Familie Goya

Die späten Bilder Francisco de Goyas, die sogenannten “Pinturas negras” (mehr dazu hier und hier), gehören zu den düstersten und rätselhaftesten im ohnehin schon bedrückenden Gesamtwerk des spanischen Malers. Wahrscheinlich um 1820 an die Wände der Quinta del Sordo (Villa des Tauben) außerhalb Madrids gemalt, wurden sie mehr als 50 Jahre später auf Leinwand übertragen. Heute befinden sich die 14 Werke, darunter der seinen Sohn verschlingende Saturn, der einsame Hund oder die wahnsinnigen Alten im Prado. Nachdem sich Generationen von Forschern an den Gemälden abgearbeitet und sie unterschiedlich ausgelegt haben – von direkten Reaktionen auf Krankheit, Hunger, Krieg und Inquisition bis hin zur Deutung als Vorläufer einer moderner Ästhetik – veröffentlichte der polnische Autor Jacek Dehnel (Jahrgang 1980) vor kurzem eine literarische Auseinandersetzung mit den Schwarzen Bildern, Goya und seiner Familie, die die Intensität der Gemälde eins zu eins in Textform überträgt und gleichzeitig einige Forschungsthesen auf den Kopf stellt.
Fiktive Romane über reale Personen sind immer Herausforderungen. Im Falle Goyas eine besonders große, da neben der erwähnten Forschungsliteratur und zahlreichen Biographien auch erstklassige Spielfilme (z.B. von Milos Forman oder Konrad Wolf) und Lion Feuchtwangers Roman-Klassiker aus dem Jahr 1951 die Messlatte sehr hoch hängen. Doch Dehnel lässt sich nicht einschüchtern und liefert mit “Saturn. Schwarze Bilder der Familie Goya” eine ganz neue Sicht auf Werk und Künstler.
Abwechselnd kommen in kurzen Kapiteln Francisco, sein Sohn Javier und dessen Sohn Mariano zu Wort. Der große Maler entpuppt sich als alter geiler Bock, der seinen lethargischen Sohn nicht ernst nimmt und seine Schwiegertochter umwirbt. Gekonnt baut Dehnel neueste Forschungen zu den Schwarzen Bildern ein, nach denen nicht Goya sondern sein Sohn der Schöpfer ist. Der geschäftstüchtige Enkel wird die Bilder später verkaufen.
Zwischen den Monologen, die den harten und schmutzigen Alltag genauso schildern wie das angespannte Familienleben und das Geschäftemachen mit der Kunst, finden sich von der Handlung des Romans losgelöste Kurzgeschichten zu den 14 Schwarzen Bildern. Auf nicht mehr als zwei bis drei Seiten beschwört Dehnel die Intensität der Bilder herauf: Geräusche, Gerüche, Gefühle werden in einer Eindringlichkeit ausgedrückt, wie es einem sonst nur beim Betrachten der Originale passieren könnte. Ihm gelingt es, den inzwischen von der Forschung verstellten Blick auf die Werke wieder frei zu machen – egal ob Goya selbst sie geschaffen hat oder nicht. Zwar lassen die schwarzweissen Abbildungen so manche Details im Dunkeln, dennoch bleibt nach der Lektüre ein tiefer Eindruck und der dringende Wunsch, bald wieder in den Prado zu fahren und die Schwarzen Bilder selbst anzusehen.

Jacek Dehnel: Saturn. Schwarze Bilder der Familie Goya

Jacek Dehnel
“Saturn. Schwarze Bilder der Familie Goya”
Hanser Verlag
Seiten: 272
ISBN: 978-3-446-24328-6
Preis: 19,90 €

Gewinnspiel zum Jahresende!
Wir verlosen ein brandneues Exemplar dieses spannenden Buches unter allen Kommentatoren dieses Eintrags und des Facebook-Eintrags, die bis zum Jahresende (31.12.2013 23.59 Uhr) den/die persönliche/n Lieblingskünstler/in  in das Kommentarfeld schreiben. Der Gewinner / die Gewinnerin wird durch Los bestimmt und per E-Mail kontaktiert. Das Gewinnspiel steht in keiner Verbindung mit Facebook und wird auch nicht von Facebook gesponsert, unterstützt oder organisiert. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.
Nachtrag vom 1. Januar: Andrea hat gewonnen! Herzlichen Glückwunsch! (Ein kleiner Trost für alle anderen Teilnehmer: Es gibt sicher bald wieder etwas zu gewinnen. Schaut hin und wieder vorbei!)

Umberto Eco: Die Geschichte der legendären Länder und Städte

Umberto Eco ist Sammler und Enzyklopädist. Seine Kenntnisse in Geschichte, Philosophie, Kunst, Literatur und Politik machen einige seiner Romane zuweilen etwas langatmig, die Sachbücher aber zu unglaublich dichten Wissensspeichern und Nachschlagewerken. Mit “Die Geschichte der legendären Länder und Städte” erscheint nun zwar nicht das erste Kompendium, das sich dem Thema fiktiver Orte widmet, aber aufgrund des Autors weiten Horizont ein mit besonders vielen Fakten und Quellen angereicherter Überblick. Dabei unterscheidet Eco zwischen rein fiktiven Orten, wie sie zum Beispiel allein in Romanen auftauchen (etwa Leopold Blooms Haus in Dublin) und Orten, an deren Existenz man tatsächlich glaubte (und zum Teil bis heute glaubt).
Eco ist also vor allem menschlichen Irrtümern auf der Spur: Von der Welt als Scheibe, zu den Wundern des Orients, über die Glückseligen Inseln, zum Schlaraffenland oder ins Erdinnere – in fünfzehn Kapitel reisen wir durch Geschichte und Religionen, Kontinente und Epochen. Der Erzähler hält sich zum Glück immer sachlich an die Quellen, welche am Kapitelende ausführlich zitiert werden. Nur im Falle der modernen “Erfindung von Rennes-Le-Chateâu” räumt er deutlich mit Mythen über den Heiligen Gral auf, wie sie u.a. auch Dan Brown in seinen Bestsellern weiterverbreitete.
Die unzähligen, teilweise langen Zitate aus den Originalen machen große Lust, sich selbst auf die Suche nach den legendären Orten zu begeben, zum Beispiel noch einmal mit Kapitän Nemo nach Atlantis zu tauchen oder mit Marco Polo den Wundern der Welt nachzugehen. Neben einigen bekannten Orten stellt Eco aber auch viele Legenden vor, die heute in Vergessenheit geraten sind. Besonders beeindruckend sind Geschichten über Bewohner solch legendärer Orte; der einfüßige Skiapode beispielsweise kann blitzschnell laufen und schützt sich liegend mit seinem riesigen Fuß vor der Sonne.
Es sind vor allem die vielen prächtigen Abbildungen, die das Buch zu einem echten Augenschmaus machen und gleichzeitig weit mehr leisten, als einfach “nur” den Text zu illustrieren. Die aufwendig recherchierten Gemälde, Buchmalereien, Druckgrafiken, Skulpturen und Fotografien zeigen den riesigen Kosmos legendärer Orte. Denn jeder Künstler hält in seinem Werk ja immer auch eine ganz eigene Idee, einen eigenen Traum fest, der sich oft von den Textquellen unterscheidet. Somit kann es hin und wieder auch passieren, dass der Zusammenhang zwischen Abbildung und Text (zum Beispiel Piet Mondrians Triptychon “Die Evolution” im Kapitel zu Atlantis) nicht so leicht zu entschlüsseln ist.
Im letzten Kapitel widmet sich Eco dann den legendären literarischen Stätten und ihren wahren Hintergründen. Natürlich können da nur wenige Beispiele vorgestellt werden. Aber von Rabelais, Dracula, Sindbad, Philip K. Dick, Borges, Calvino bis hin zu Tim und Struppi versammelt er auch hier einige phantasievolle Leckerbissen. Schließlich spricht es sehr für Eco und sein Buch, dass er nicht zwischen Unterhaltungs- und Ernster Literatur unterscheidet, sondern auch moderne Massenphänomene wie Film und Comic einbezieht. Vielleicht hat er auch deshalb bei diesem kleinen sympathischen Video mitgemacht, in dem er selbst durch einige legendäre Landschaften wandert.

Das Beste zum Schluss! Wir verlosen ein brandneues Exemplar dieses prachtvollen Buches unter allen Kommentatoren dieses Eintrags, die bis zum Ende des 6. Dezember 2013 kurz kommentieren, welches ihr Lieblingsbuch von Umberto Eco ist und warum. (Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.)
Nachtrag vom 7. Dezember: Rolf darf sich über das Buch freuen! Allen anderen: Es gibt bald wieder etwas zu gewinnen.

Umberto Eco
„Die Geschichte der legendären Länder und Städte“
Hanser Verlag
Seiten: 480
ISBN: 978-3-446-24382-8
Preis: 39,90 €