Iain Banks: Die Wespenfabrik

Iain Banks
Warum die deutsche Erstausgabe der “Wespenfabrik” des schottischen Schriftstellers Iain Banks bei Heyne 1991 in der Reihe Science Fiction & Fantasy erschien, ist mir nicht ganz klar. Offenbar wusste man damals nicht genau, unter welchem Label man die verstörende Familiengeschichte um den sadistischen Einzelgänger Francis am besten unter das Publikum bringt. Der Roman ist genausowenig Science Fiction wie Bret Easton Ellis’ “American Psycho” oder Günter Grass’ “Die Blechtrommel”, zwei Bücher mit denen “Die Wespenfabrik” schon desöfteren verglichen wurde.
Dass der sechzehnjährige Erzähler Francis ein Psychopath mit wenig Kontakt zur Außenwelt ist, wird schon auf den ersten Seiten klar, als er von seiner Leidenschaft Tiere zu quälen und zu töten berichtet. Stück für Stück blickt er zurück auf seine Kindheit und enthüllt drei hinterlistige Morde, die er an jüngeren Kindern begangen hat (oder haben will?), ohne dass man ihm es hätte nachweisen können. Sein älterer Bruder Eric hingegen ist auch offiziell als wahnsinnig anerkannt und gerade aus einer Anstalt geflohen. Bei all den verstörenden Details – die Wespenfabrik etwa ist eine von Francis in der Dachkammer eingerichtete Hexenküche, in der er mithilfe einer komplizierten Apparatur Wespen die Zukunft voraussagen lässt – liegt das eigentliche Drama wie so oft in der Familiengeschichte. Als Leser ahnt man es: Das abgeschlossene Arbeitszimmer des mürrischen Vaters birgt noch das ein oder andere Geheimnis, das am Ende natürlich gelüftet wird. Ohne diese arg konstruierten pseudopsychologischen Erklärungsversuche wäre der Roman hingegen noch beeindruckender, verstörender. So ist mein Fazit zwiespältig; an die ätzende Gesellschaftskritik von Ellis und das phantasievolle Geschichtspanorama von Grass reicht “Die Wespenfabrik” in meinen Augen nicht heran.

Moacyr Scliar: Kafkas Leoparden

Moacyr Scliar
Schon wieder Kafka. Aber was der Brasilianer Moacyr Scliar (1937-2011) in seinem kleinen Roman aus dem fünfzeiligen Fragment Franz Kafkas “Leoparden im Tempel” macht, ist viel mehr als eine verrückte Fingerübung: Der in Südamerika sehr bekannte Autor verknüpft Literatur- und Weltgeschichte zu einer rasanten und spannenden Abenteuerstory. Daher soll an dieser Stelle einmal nicht die Handlung nacherzählt werden. Es geht um Revolution, jüdische Schriftgelehrte, Geheimdienste und natürlich um Kafka, der sogar persönlich auftritt.
Wie dabei reale Personen und Ereignisse mit Fiktionen, Kafka-Deutungen und einer Coming of Age-Story überblendet werden, ist wirklich zauberhaft. Die schöne Ausstattung des im letzten Jahr im Lilienfeld Verlag erschienenen Buches und das informative Nachwort des Übersetzers Michael Kegler machen “Kafkas Leoparden” zu einem echten Geheimtipp!

Thomas Bernhard: Alte Meister

Thomas Bernhard
Thomas Bernhards Romane sind harte Brocken. Doch sollte man sich nicht täuschen lassen; was auf den ersten Blick wie eine sich stets wiederholende Hasstirade gegen alles und jeden scheint, ist in Wahrheit fein komponierte Sprachkunst, der eine tief melancholische Weltsicht zugrunde liegt. So auch in “Alte Meister” aus dem Jahr 1985:
In diesem Dreipersonenstück erläutert der 83-jährige Reger seinem Bekannten Atzbacher, der am Anfang des Romans der Ich-Erzähler ist, im (real nicht existenten) Bordone-Saal des Wiener Kunsthistorischen Museums seine durch und durch pessimistische Philosophie. Am Rand der Erzählungen tritt hin und wieder nur der als naiv geschilderte Museumswärter Irrsigler auf. In langen Sätzen, lediglich unterbrochen durch die berühmten Einschübe wie: “sagte Reger” oder am Romanende: “schreibt Atzbacher”, ohne Gliederungen durch Kapitel oder Absätze kreist Reger seine großen Themen Musik, Philosophie, Politik und Kunst ein, zerpflückt dabei namhafte Vertreter wie Beethoven oder Stifter, rechnet mit ihnen rigoros ab. Die Art und Weise der Angriffe ist legendär: Der Erzähler kreist das Thema ein, nähert sich ihm aus unterschiedlichen Perspektiven. Dann greift er es direkt an, wobei wichtige Textstellen kursiv gekennzeichnet sind. Danach entfernt er sich etwas, um Anlauf zu nehmen und den gesamten Sachverhalt gebündelt in einer pointierten Wiederholung endgültig zu erledigen.
Da der Roman zum großen Teil in einem Museum spielt, bekommen die Künstler, die Besucher, die Kunsthistoriker ordentlich eins auf die Mütze. An dieser Stelle nur ein großartiges Zitat: “Die Leute begehen in den Museen ja immer den Fehler, daß sie sich zuviel vornehmen, daß sie alles sehen wollen, so gehen sie und gehen sie und schauen und schauen und brechen dann plötzlich, weil sie sich an Kunst überfressen haben, zusammen.”
Doch bei all dem Hass auf den Kunstbetrieb und seine Akteure ist es trotzdem die Kunst selbst, vor allem ein Tintoretto-Gemälde, die Reger Halt gibt und Lebenssinn spendet. Nach und nach erfährt man vom tragischen Tod seiner Frau, der seinen Pessimismus nur verstärkt hat. Und wenn Reger Atzbacher am Ende des Romans mit ins Burgtheater nimmt, so schöpft er aus seiner Ablehnung doch auch neue Kraft: “Die Vorstellung war entsetzlich.”

Dave Eggers: The Circle

Dave Eggers
Es war nur eine Frage der Zeit, bis ein Schriftsteller das Thema Digitale Revolution mit all ihren postiven und negativen Folgen auf den Alltag in einen gut lesbaren Roman packen würde. Nun ist es also Dave Eggers, der mit “The Circle” hoffentlich bald auch die deutschen Verkaufscharts stürmt. Seine Vision von einer vernetzten Gesellschaft ist gar nicht mehr so weit entfernt von unserer Wirklichkeit; ein Überwachungsskandal jagt derzeit mal wieder den nächsten.
Mae, die etwas naive Heldin, gelangt über eine Freundin an einen, auf den ersten Blick großartigen, neuen Job beim IT-Konzern “The Circle”. Doch Seite um Seite werden wir mit ihr tiefer in die Abgründe einer gar nicht so schönen neuen Welt gezogen. Was sind die Folgen einer totalen Vernetzung? Wie sieht das Leben aus, wenn jede Information, vom Lieblingsessen bis zur Krankheit, verfügbar ist und auch verfügbar sein soll? Die Vision wird schnell zum Alptraum.
Besonders clever baut Eggers existente IT-Phänomene ein und führt sie logisch zu Ende. Es gibt u.a. Anspielungen auf die berühmten Keynotes (Produktvorstellungen) von Apple. Vieles erinnert an Amazon (Bewertungssystem), Facebook (Gruppen und Veranstaltungen) und Google (Glass, Campus…). Wie Eggers die Konsequenzen der Technik auf das Leben der Circle-Mitarbeiter schildert, ist erst amüsant (z.B. dass die Firmengründer wie Gurus verehrt werden) und dann erschreckend. Schließlich verliert hier jeder nicht nur das Recht auf Privatheit, durch den Eingriff in komplett alle Lebens-, und Wirtschaftsbereiche gerät letzlich auch die Demokratie in Gefahr.
Bei all den Verknüpfungen zur Gegenwart ist “The Circle” kein Science Fiction und keine Dystopie, sondern ein nahezu realistischer Gesellschaftsroman. Und genau das macht ihn (trotz seiner Konstruiertheit) so wichtig.

Paul Auster: Sunset Park

Paul Auster
Zugegeben: Auch wenn ich bislang noch keinen anderen Roman von Paul Auster gelesen habe, stimme ich zwar den zahlreichen Rezensenten im Feuilleton und im Netz in puncto guter Lesbarkeit von “Sunset Park” zu, muss aber gleichzeitig auf das Artifizielle, Künstliche in dem Roman zu sprechen kommen, was alle anderen entweder ignorieren oder als Schwäche des Buches herausstellen.
Zur Handlung nur soviel: In Zeiten der Wirtschaftskrise besetzen vier junge Amerikaner ein leer stehendes Haus in Brooklyn. Im Mittelpunkt steht Studienabbrecher Miles und seine Familie. Er brannte nach dem Tod seines Stiefbruders durch und nähert sich nun, nachdem er die Liebe seines Lebens gefunden hat, langsam wieder seinen Eltern. (Mehr zum Inhalt z.B. hier.)
Was sich anhört wie eine klassische Familientragödie, wird bei Auster überblendet mit vielen anderen zeitlosen Themen wie Generationenkonflikt, finanzielle Krise, Wirren der Liebe, Suche nach sich selbst, Scheitern des Amerikanischen Traums usw. Die Konstruktion, das künstliche Netz hinter allem ist so clever gebaut, dass man die Geschichten als realistische Reportage aus einem Amerika nach dem 11. September lesen kann. Oder aber man steigt tiefer ein in das Buch, versucht die roten Fäden zusammenzulegen: Immer wieder ist vom Zufall die Rede, meist anhand der Biographien von realen Baseball-Spielern. Personen sind sich in der Vergangenheit schon begegnet und wir Leser lernen  einige Kapitel später “zufällig” eine ganz andere Perspektive dieser Begegnung kennen. Alles, was in dem Roman geschieht ist also ganz und gar kein Zufall.
Schließlich die große Frage nach dem Sinn der Krisen, dem Sinn des Scheiterns. Wie soll man all dies aushalten? Die Antwort gibt uns der Roman auf eindringliche und anschauliche Weise: Miles stemmt sich gegen die Verluste und fotografiert als Entrümpler von aufgegebenen Häusern zurückgelassene Gegenstände. Seine Mitbewohnerinnen analysieren Filme, kämpfen für inhaftierte Autoren und zeichnen. Sein Vater versucht seinen Verlag zu retten… Für die Kunst allein also lohnt es sich zu leben und zu kämpfen – auch wenn am Ende offenbleibt, für welchen Weg sich Miles entscheidet.

Colum McCann: Die grosse Welt

Colum McCann
Manchmal braucht es einige Jahrzehnte Abstand bis klar wird, dass es sich bei dieser oder jener Aktion nicht um Entertainment sondern um große Kunst handelte. Auch der Franzose Philippe Petit war seiner Zeit weit voraus, als er 1974 auf einem Drahtseil von einem Turm des gerade erst fertig gebauten World Trade Center zum anderen balancierte.
Und manchmal braucht es andere Künstler, die dies erkennen und zum Beispiel mit einem Roman wie “Die grosse Welt” noch viel mehr Menschen von der Einmaligkeit dieser Aktion, heute würden wir es Performance nennen, überzeugen. Der Ire Colum McCann hat dieses Buch 2009 geschrieben. Und auch ohne dass die Zerstörung der Twin Towers im Jahr 2001 explizit angesprochen wird, lädt er den Balance-Akt, der verteilt über den gesamten Roman immer wieder kurz aus anderen Perspektiven geschildert wird, mit Emotionen und Bedeutung auf, dass er uns Leser als einprägsames Bild vom Lauf des Lebens für immer im Kopf bleibt.
Drumherum webt McCann ein Netz von individuellen Biographien einiger New Yorker, die direkt oder indirekt miteinander verbunden sind: Der junge irische Philanthrop Corrigan, der den Prostituierten der Bronx hilft. Sein Bruder, der sich in eine gescheiterter Künstlerin verliebt. Die Frau des Richters, die um ihren in Vietnam gefallenen Sohn trauert… Arm und reich, alt und jung – die unterschiedlichen Stimmen der Stadt bilden einen so mitreißenden Chor, dass man meint 1974 ein paar Tage bei Freunden in New York verbracht zu haben.
Wie sehr sich der Drahtseilakt von damals noch heute als Projektionsfläche eignet, hat nun auch der Regisseur Robert Zemeckis (“Forrest Gump”, “Cast Away”) erkannt: Er arbeitet mit den Schauspielern Ben Kingsley, Ben Schwartz und Joseph Gordon-Levitt gerade an einer 3D-Verfilmung von Petits Memoiren “To Reach the Clouds”.  Schon der Dokumentarfilm “Man on Wire” gewann 2009 übrigens einen Oscar.

Margaret Atwood: Der Report der Magd

Margaret Atwood
Fast 30 Jahre nach seiner Entstehung hat Margaret Atwoods dystopischer Roman “Der Report der Magd” nichts von seiner erschreckenden Wirkung verloren. Im Gegenteil: Einige Details aus der in einer nahen Zukunft spielenden Lebensgeschichte der Magd Desfred sind inzwischen kurz davor Wirklichkeit zu werden. Bevor Desfred wie alle Frauen ihren Job verlor, scannte sie Bücher aus Bibliotheken ein. Als sie ihren Bericht auf Audiokassetten aufnimmt, sind Bücher verboten und komplett aus dem Verkehr gezogen. Nur der Kommandant, in dessem Haus sie als eine der wenigen fruchtbaren Frauen einzig zu dem Zweck der Fortpflanzung gefangen gehalten wird, besitzt einige alte Bücher und Zeitschriften. Auslöser für den in Rückblicken geschilderten, sehr schnellen Umsturz in Nordamerika waren Umweltkatastrophen. Das strenge neue System ist natürlich nur durch totale Überwachung aufrechtzuerhalten.
Was den Roman außer seiner brisanten Themen so lesenswert macht, ist sein raffinierter Aufbau: Desfred berichtet (nach ihrer Rettung oder aus der Gefangenschaft?) aus ihrem trostlosen Alltag, Stück für Stück aber auch aus ihrer Vergangenheit mit Mann, Kind und rebellischer Freundin. Auf den letzten Seiten folgt dann als fiktiver Anhang das Protokoll eines wissenschafllichen Symposiums, das zum einen die Überlieferung des Berichts erläutert und außerdem das gesellschaftliche System als historisches einordnet.
“Der Report der Magd”, 1990 von Volker Schlöndorff verfilmt, ist ein absolut zeitloser Klassiker, der es locker mit Orwell und Huxley aufnehmen kann.

Michel Faber: Die Weltenwanderin

Michel Faber
Wer dieses Buch lesen oder die hoffentlich bald im Kino laufende Verfilmung “Under the Skin” unvoreingenommen sehen will, sollte jetzt schnell zum nächsten Beitrag scrollen oder klicken. Denn jeder einigermaßen sachliche Bericht über den 2000 erschienenen Roman kommt nicht ohne Nacherzählung der erschütternden Handlung aus. Das Buch ist auch deswegen so spannend, da man sich als Leser Zusammenhänge und Hintergründe Stück für Stück selbst erschließen muss – wer jetzt weiterliest, bringt sich selbst um dieses Vergnügen!
Worum geht es also? Isserley – scheinbar eine junge Frau – kurvt mit ihrem klapprigen Auto durch Schottland, um einsame, gut gebaute, männliche Tramper einzusammeln. Ihre enorme Oberweite ist dabei meist sehr hilfreich. Die Anhalter ahnen nur, dass mit Isserley etwas nicht stimmt. Als sie nach einer Narkose kastriert und mit herausgeschnittener Zunge in einem engen Käfig aufwachen, ist es für sie zu spät. Isserley wurde als umoperierte Jägerin einer außerirdischen Spezies beauftragt, Frischfleisch als teure Delikatesse für den zerstörten Heimatplaneten zu erbeuten. Ein mit dem letzten intergalaktischen Fleischtransport eingeflogener blinder Passagier entpuppt sich als Tier-, also Menschenschützer und verstärkt Isserleys Zweifel an dem Projekt und an ihrem Leben auf der Erde.
Der Perspektivwechsel Mensch – Tier ist im Roman so brutal und knallhart einleuchtend geschildert, dass dieses Buch auch als Plädoyer für Vegetarismus und gegen Massentierhaltung gelesen werden kann. Die einzelnen Tramperschicksale, Isserleys Vergangenheit und ihr tristes Außenseiter-Leben auf der Erde werden in stimmigen Episoden zwischengeblendet, oft nur angedeutet. Ein zusätzlicher Sog voll unheimlicher, verstörender Spannung entsteht.
Als Regisseur einer Verfilmung kann man sich keinen besseren Künstler vorstellen als den Briten Jonathan Glazer, der mit genialen Musikvideos u.a. zu Massive Attack (“Karmacoma”) oder UNKLE (“Rabbit in your Headlights”) bereits in die Filmgeschichte eingegangen ist. Scarlett Johannson als Isserley ist ebenfalls eine hervorragende Wahl und die ersten Filmtrailer lassen auf ein großes, eigenständiges Werk hoffen. Das Buch selbst ist momentan leider nur noch antiquarisch auf Deutsch lieferbar. Aber vielleicht sorgen der Filmstart oder prominente Fans wie Clemens J. Setz bald für eine Neuauflage.

Neil MacGregor: Shakespeares ruhelose Welt

Von der ägyptischen Mumie bis zur chinesischen Solarlampe: 2010 sendete BBC Radio 4 eine Reihe von 100 jeweils 15-minütigen Sendungen, in denen Neil MacGregor, ehemaliger Direktor der Londoner National Gallery und seit 2002 des British Museum, genau ein Objekt aus den riesigen Sammlungen des Britischen Museums vorstellte. Das im Anschluss veröffentlichte Buch “A History of the World in 100 Objects” wurde ein großer Erfolg und in viele Sprachen, natürlich auch ins Deutsche übersetzt.
2012 widmete sich MacGregor in einer neuen 20-teiligen Reihe dem Thema William Shakespeare. Vor kurzem erschien das begleitende Buch “Shakespeares ruhelose Welt” bei C. H. Beck – genau passend zum diesjährigen 450. Geburstag des großen Dramatikers.
Die einfache und geniale Struktur des Vorgängerbuchs bleibt erhalten: Pro Kapitel wird ein einziges Objekt genauer vorgestellt. MacGregor zitiert Experten, fasst zusammen und ordnet ein. Der große Unterschied: Alle 20 Kapitel drehen sich um Shakespeare – zum Glück überhaupt nicht um seine Person sondern um seine Zeit; London und England des späten 16. und frühen 17. Jahrhunderts.
So beleuchtet MacGregor alle nur möglichen Aspekte, die zum Verständnis von Shakespeares Werken beitragen: Eine verlorene Eisengabel dient zum Einstieg in den Alltag der Theaterwelt um 1600. Über ein Schiffsmodell aus Holz, geschaffen als Dank an Gott für das Überleben auf See, kommt der Autor schnell zum weit verbreiteten Hexenglauben. Über Degen und Dolch zu Macht und Gewalt in der englischen Gesellschaft. Wie selbstverständlich baut er dabei immer wieder Original-Zitate aus “Macbeth”, “Romeo und Julia” und fast allen anderen Stücken ein.
Ob Druck, Gemälde, Buch, Glas, Kleidungsstück, Uhr usw. – immer wird der Zusammenhang zu Shakespeare sofort klar. So macht es nicht nur großen Spaß, dem Autor bei seinen Exkursionen zu folgen, man will sich mit dem neuen Wissen unweigerlich selbst in Shakespeares Texten auf die Suche begeben.
Einen Eindruck vermittelt dieses Video über eine Augenreliquie. (Der Shakespeare-Fan liest nach unter “King Lear”, 3. Akt, 7. Szene!)

 

Dantes Reise durch die Hölle – Die Göttliche Komödie als Gesellschaftsspiel

Dante Alighieris “La Divina Commedia” aus dem ersten Viertel des 14. Jahrhunderts ist einer der großen Klassiker der Weltliteratur. In Italien gehören die Geschichten von Dante, der erst mit dem antiken Dichter Vergil durch Hölle und Fegefeuer, dann mit seiner Angebeteten Beatrice durch den Himmel wandelt, zum Allgemeinwissen. Zusammen mit seinen Zeitgenossen Boccaccio und Petrarca hat Dante die italienische Literatur und Sprache geprägt.
Auch wenn immer wieder neue Übersetzungen ins Deutsche erscheinen, viele Episoden aus der Commedia bis heute andere Autoren, Musiker und bildende Künstler inspirieren, ereilt dem Werk unverdienterweise das Schicksal etlicher Klassiker und wird viel zu selten gelesen. Doch nie war es so leicht, einen Zugang zu Dante und seiner Welt zu bekommen: Schon vor zwei Jahren erschien Seymor Chwasts Graphic Novel bei Knesebeck, in diesem Jahr dann eine gut lesbare und kommentierte Prosaübersetzung von Kurt Flasch bei Fischer und noch bis März zeigt die Bonner Bundeskunsthalle in der großen Ausstellung “Florenz!” einige historische Ausgaben und Darstellungen der Commedia.
Wer aber einmal das Gesellschaftsspiel “Dantes Reise durch die Hölle” des kleinen Innsbrucker Verlags éditions foulland gespielt hat, wird schnell zum wißbegierigen Dante-Fan. Der Spieler wandert durch die neun Höllenkreise, muss Fragen beantworten, Aufgaben erfüllen usw. bis er möglichst als Erster den “Reinigungsort” Fegefeuer erreicht. Natürlich erfährt man dabei viel über Dante, seine Zeit, italienische Geschichte und Politik, antike Mythologie und Christentum. Und nicht zuletzt die Details aus den Illustrationen von Gustave Doré regen dazu an, nach dem Spiel nachzuschlagen welche Strafe welchen Sünder erwartet. Das liebevoll gestaltete Spiel war ein Crowdfunding-Projekt bei startnext und da es mit dem Inferno “nur” ein Drittel der Commedia abdeckt, kann man nur hoffen, dass Fegefeuer und Himmel in den nächsten Jahren folgen.

Dantes Reise durch die Hölle