Deborah Feldman: Unorthodox

Die Botschaft am Ende des Buchs ist eindeutig: Lass dir niemals vorschreiben, wie oder was du sein solltest! Es lohnt sich für Selbstverwirklichung und Freiheit zu kämpfen!
Deborah Feldmans 2012 erschienene autobiographische Erzählung „Unorthodox“ ist beängstigend und beeindruckend. Kopfschüttelnd las ich von der ultraorthodoxen jüdischen Religionsgemeinschaft, die mitten in Brooklyn die vollständige Kontrolle über das Leben ihrer Anhänger hat. Von der Geburt bis zum Tod, von der Nahrungsaufnahme bis zum Sex ist alles streng reglementiert. Begründet wird dies alles durch Gottes Wille.
Die chronologische Erzählung – von Kindheit, Jugend bis zur Geburt des ersten eigenen Kindes – ist im Ton erstaunlich sachlich und nüchtern. Wahrscheinlich hat sie mich deswegen so berührt. Immer wieder kommt die Autorin auf die großen Fragen, die großen Zweifel, die jeder denkende Mensch kennt: Warum ist mein Leben so und nicht anders? Kann ich es ändern? Wer sind meine wahren Freunde?
Dazu kommt: Unter den strengen Regeln haben die Frauen am meisten zu leiden. Sie sind dazu da, den Haushalt zu führen und möglichst viele Kinder zu zeugen. Eigenständiges Denken und Handeln ist nicht erlaubt.
Die Episoden, in denen die Erzählerin durch heimliche Lektüre, z.B. Jane Austen oder Roald Dahl, Hoffnung auf ein anderes, selbstbestimmtes Leben schöpft, deuten ihre Zukunft schon an. Die Heldin wird sich im zweiten Bildungsweg weiterbilden und sich aus den Fängen der Sekte befreien. Nur so konnte sie schließlich „Unorthodox“ schreiben.
Vor kurzem ist mit „Überbitten“ auch der Nachfolger erschienen.

Kazuo Ishiguro: Der begrabene Riese

Dieser Roman beginnt ganz gemächlich. Ein altes Paar entschließt sich, den seit langem vermissten Sohn zu suchen. Beatrice und Axl, so heißen die beiden, machen sich also zu Fuß auf den Weg. Nach klassischem Muster (siehe Homers „Odyssee“) folgt dann doch schnell ein Abenteuer dem nächsten und nach nur wenigen Tagen sind die beiden gleich reihenweise Kriegern, Mönchen, Dämonen, Menschenfressern und Kobolden begegnet.
Ein – teilweise recht selbstbewusster – Erzähler berichtet von Begebenheiten in einem (alternativen) Britannien des 5. Jahrhunderts – in dieser Zeit spielt der gesamte Roman. Die fantastischen Elemente passen gut zur Abenteuergeschichte, womit auch der besondere Stilmix (History, Fantasy, Adventure) umrissen wäre. Doch dem vielseitig begabten englischen Autor Kazuo Ishiguro (siehe z.B. seine Kurzgeschichten „Nocturnes“ hier) gelingt es, diesen gängigen Gattungen weitere Dimensionen hinzuzufügen. Die vielen Abenteuer, auch der Nebenfiguren, drehen sich um ganz elementare und allzeit gültige Fragen der Menschheit:
1. Erinnern und Vergessen: In der Geschichte lähmt der Atem eines weiblichen Drachens (Drachin!) das Erinnerungsvermögen der Menschen. Die Drachin soll getötet werden. Doch was, wenn sich ehemalige Feinde an die inzwischen vergessenen Gräueltaten erinnern und sich dafür nun rächen wollen? Was ist der richtige Umgang mit Erinnerungen?
2. Leben und Tod: In einer unwirtlichen Welt kann ein Fehltritt im Wald oder eine heute einfach zu behandelnde Infektion den Tod bedeuten. Muss man erst dem Tod von der Schippe gesprungen sein, um von der Kostbarkeit des Lebens überzeugt zu sein? Oder ein anderer Aspekt: Wie ergeht es dem Partner, der von seiner langjährigen Partnerin allein im Leben zurückgelassen wird? (Die Episoden um den Fährmann Tod, der Paare hinterlistig trennt, sind besonders traurig und erschütternd.)
3. Gut und Böse: So einfach ist das nicht. Zwar folgen wir mit Beatrice und Axl eindeutig den Helden der Geschichte, doch auch sie begangen Fehltritte (die sie nur vergessen haben). Was den Roman aber zu etwas Besonderem macht, sind die etlichen falschen Fährten, auf die er uns Leser schickt. Immer wieder sehen wir Personen in einem anderen Licht. Ein zuerst an Don Quijote erinnernder Ritter ist z.B. gar nicht weltfremd und handlungsunfähig, sondern folgt erfolgreich einer wichtigen Mission. Alle Figuren sind ambivalent und in ihren Gedanken und Handlungen nie eindeutig gut oder böse – selbst die Drachin wurde verzaubert, böse zu sein. Gekonnt setzt Ishiguro erzähltechnische Tricks wie wechselnde Perspektiven, Zeit- und Ortswechsel ein, um die Spannung bis zum Ende aufrecht zu erhalten.
An diesen kurzen Notizen wird hoffentlich deutlich, dass „Der begrabene Riese“ ein ganz ungewöhnlicher Roman mit philosophischem Tiefgang ist, den ich auch Nicht-Fantasy-Lesern sehr empfehlen kann. Wer möchte, kann sogar Bezüge zur Gegenwart herstellen. Nur ein Beispiel zum Schluss: Ein Herrscher, der die Drachin als Kriegswaffe einsetzen möchte, kann sie aber nicht beherrschen…

Ernst Ludwig Kirchner auf Fehmarn

Ernst Ludwig Kirchner auf FehmarnMehr als ein Jahr gab es an dieser Stelle keine neuen Einträge. Der Grund: In den letzten Wochen und Monaten habe ich selbst ein kleines Taschenbuch geschrieben, welches Anfang August im Heidelberger Morio Verlag, einem Imprint des Mitteldeutschen Verlags, erschien. In dem Buch der Reihe „Stationen“ geht es um die Sommeraufenthalte des expressionistischen Künstlers Ernst Ludwig Kirchner auf der Ostseeinsel Fehmarn.

Vier Sommer, 1908 und dann 1912 bis 1914, war Kirchner auf der Insel und verwirklichte dort seinen Traum von einem Leben im Einklang mit der Natur. Dort zeichnete, malte, schnitzte, druckte und fotografierte er in einem regelrechten Schaffensrausch – heute befinden sich seine vielen Fehmarn-Werke in Kunstsammlungen überall auf der Welt.

Für das Buch habe ich über 50 Abbildungen recherchiert; nicht nur von während der Zeit entstandenen Kunstwerken der unterschiedlichsten Gattungen, sondern auch historische oder aktuelle Fotografien. Zudem sind in den letzten Jahren Kirchners Briefe und Postkarten veröffentlicht worden, sodass einige schöne Zitate das Leben auf der Insel anschaulich werden lassen.

Kirchner lebte mit seiner Frau Erna Schilling, die er kurz vor der Abreise in Berlin kennenlernte, von 1912 bis 1914 beim Leuchtturmwärter Lüthmann auf der südöstlichen Inselspitze Staberhuk. Gemeinsam mit ihr und einigen berühmten Gästen, z.B. den Malerfreunden Erich Heckel oder Otto Mueller, erlebte Kirchner auch einige Abenteuer. Um eine Hütte am Strand bauen und viele Skulpturen schnitzen zu können, schwamm er beispielsweise häufig zu einem untergegangenen Boot und holte sich aufgeschwemmtes und daher leicht zu bearbeitendes Holz. Auch Florian Illies schrieb über diesen Sommer auf Fehmarn in dem Bestseller „1913“.
Ein Jahr danach, mit Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 mussten Erna und Kirchner die Insel abrupt verlassen – später erinnert er sich oft an die schöne Zeit an der Ostsee zurück. Bis zu seinem Tod 1938 wird er allerdings nie wieder nach Fehmarn reisen können.

Vor einigen Tagen begab ich mich nun selbst auf die Spuren Kirchners und trotz des wechselhaften Wetters haben mich die Orte, an denen Kirchner vor über 100 Jahren lebte und arbeitete, genauso begeistert. Ob die Nikolaikirche mit der barocken Kuppel in der Insel-Hauptstadt Burg oder die abwechslungsreichen Strände am Staberhuk – Fehmarn ist noch heute eine Reise wert. Und mit meinem kleinen Kirchner-Büchlein in der Tasche erfährt man, warum die Monate auf der Insel für den Künstler die schönsten seines Lebens waren.

Bestellen kann man den Band entweder direkt beim Verlag, bei Kohlibri oder Amazon und natürlich auch beim Buchhändler um die Ecke!

Vladimir Sorokin: Telluria

Sorokin TelluriaMan könnte Vladimir Sorokins neues Buch als Science Fiction, als spinnerte Phantastik abtun. Aber der von einem achtköpfigen Übersetzerkollektiv ins Deutsche übertragene Roman, gut 400 Seiten und 50 Kapitel lang, ist viel mehr als das: „Telluria“ ist eine Dystopie, eine böse, düstere Satire und vor allem eine mit etlichen Zitaten und Anspielungen gespickte Gesellschaftskritik.
Die Handlung lässt sich nicht leicht nacherzählen: Die 50 unterschiedlich langen Kapitel sind kleine und große Mosaiksteine, die Europa – West und Ost – nach einem großen Krieg in nicht allzu ferner Zukunft zeigen. Dabei sind es immer andere Textarten, die sich mal aufeinander beziehen (z.B. durch Perspektivwechsel) und viel häufiger im Gegensatz zu den Nachbarkapiteln stehen: Berichte, Märchen, Briefe, Manifeste, Träume, Dialoge, Notizen, Legenden, Monologe…
Die neue Weltordnung wird bestimmt vom seltenen chemischen Element Tellur. In den 2020er Jahren entdeckt man dessen extreme halluzinogene und süchtig machende Wirkung. Nur geübte Zimmermänner beherrschen das Verabreichen der Droge mit dem (natürlich nicht ganz ungefährlichen) Einschlagen eines Tellurnagels in den Schädel. In einigen Kapiteln liest man von den Wirkungen der Droge auf Mensch und Gesellschaft, von den Visionen, die sie hervorruft und schließlich auch vom extremen Reichtum des neuen Staats Telluria. Doch dieser Drogenalptraum allein ist Sorokin nicht genug. Seine Zukunft ist geprägt von heftigen Religionskriegen, von denen sich das in neue Reiche und Staaten zerfallene Europa noch nicht wieder erholt hat. (Anders als in Michel Houellebecqs „Unterwerfung“ gab es hier keinen schleichenden, von der Gesellschaft akzeptierten Religionswandel.)
Dazu kommen die für Sorokin typischen phantastischen Elemente und Figuren, wie Riesen, Zwerge oder Zoomorphe (genetisch erzeugte Mensch-Tier-Mischwesen), deren Existenz vielleicht doch gar nicht mehr so fern ist. Auch die technischen Geräte, deren Formen wandelbar sind und die lebensechte Hologramme erzeugen, scheinen nicht ganz unrealistisch.
Der Roman ist, wie schon „Der Schneesturm“, durchtränkt mit russischer Kultur und Geschichte vom 19. Jahrhundert bis in unsere Gegenwart. So fühlt man sich einmal in einen sowjetischen Märchenfilm versetzt und dann tauchen an anderer Stelle Stalin, Gorbatschow, Putin als in Stein gehauene große Helden auf. Jedes einzelne Kapitel ist in Sprache und Inhalt voller offener und versteckter Verweise. Auch wenn man sie nicht alle sofort erkennt, tut dies der Faszination an dem Roman kein Abbruch. Im Gegenteil: „Telluria“ ist ein Buch, was einen noch lange beschäftigt.

Vladimir Sorokin: „Telluria“. Roman. Aus dem Russischen vom Kollektiv Hammer und Nagel. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2015, gebunden, 22,99 €

José Saramago: Handbuch der Malerei und Kalligraphie

SaramagoH. ist Maler und verdient seinen Lebensunterhalt seit einigen Jahren mit Porträtaufträgen. Als er den Vorstandsvorsitzenden eines großen Unternehmens malt – das Bild soll in der Poträtgalerie der Firma eingereiht werden – zweifelt H. mehr und mehr an seinem Schaffen und beginnt, in schriftlichen Aufzeichnungen über sich, sein Leben und seine Kunst zu reflektieren. Neben vielen, zum Teil sehr philosophischen und theoretischen Überlegungen erfahren wir Schritt für Schritt mehr über H.s Leben, seine Freunde, seine komplizerte Beziehung zu Adelina.
In den fünf, von ihm so genanntenen „autobiographischen Übungen“ in Form von Reiseberichten, die als kurze Kapitel in die Chronologie eingeschoben werden, schreibt H. kenntnisreich von kunsthistorischen Reisen nach Italien. Was als Krise in der Malerei begann, wird aufgrund des „Seitenwechsels“ zur Literatur nun eine Krisenbewältigung. Es kommt zum Stilwechsel innerhalb H.s Malerei, was den Auftraggebern eines Doppelporträts gar nicht gefällt. Sie weisen das Bild zurück und H. ist sich nun sicher, so wie bisher nicht mehr weitermachen zu können. (Schon allein aufgrund des nun folgenden schlechten Rufs unter möglichen neuen Kunden.)
Als Leser wird man nicht nur in die intensiven aber sehr stimmigen Gedanken eines Künstlers in der Krise hineingezogen, man kommt H. als Person zudem unglaublich nah – auch weil er anfangs so wenig von sich preis gibt.
Schließlich – und das ist die dritte Ebene – treten Leben und Alltag in Portugal während der Jahre der Diktatur mehr und mehr in den Vordergrund, sodass die letzten Seiten nicht nur immer spannender werden (ein Freund H.s wurde verhaftet), sondern auch gut zu den Gedanken über Malerei und Literatur passen: Wie können Künstler in Diktaturen überleben?
Der Titel von Saramagos Buch aus dem Jahr 1983 ist zwar anfangs irreführend, doch ist es ganz sicher ein inzwischen klassischer, zeitloser Künstlerroman.

Klaus Wagenbach: Kafkas Prag. Ein Reiselesebuch

Wagenbach Kafka
Nur selten verließ Franz Kafka in seinem kurzen Leben die Heimatstadt Prag. 1991 veröffentlichte der Verleger und Kafka-Kenner Klaus Wagenbach (laut Selbsteinschätzung die „dienstälteste aller Kafka-Witwen“) dieses kleine, sehr feine Reiselesebuch, mit dem man eine ordinäre Prag-Reise schnell zur Kafka-Experten-Tour aufwerten kann.
Beinahe alle Stationen von Kafkas Leben – Familie, Kindheit, Schule, Studium, Arbeit – finden sich zentral in der Prager Altstadt; die Gebäude sind zwar mal mehr, mal weniger umgebaut, stehen aber noch. So ist das Buch chronologisch gegliedert nach den Häusern, anhand von Karten und historischen Fotos kann man diese leicht identifizieren. Es geht weiter mit Kafkas Berufsweg; wann arbeitete er wo. Schließlich werden drei längere Lieblingsspaziergänge Kafkas und weitere beliebte Orte wie Bibliotheken oder Cafés erläutert.
Belegt mit vielen Zitaten aus nicht-literarischen Texten (z.B. die Unfallverhütungsmaßregeln bei Holzhobelmaschinen), wunderbaren Anekdoten und zwischendurch ergänzt um Stellen aus den Erzählungen, erlebt man Kafkas Alltag hautnah mit (erst Büro, nach einem Schläfchen die langen Spaziergänge und in der Nacht dann das Schreiben). Ich kann nicht sagen, woran es liegt, aber Kafka wird einem plötzlich sehr sympathisch. (Nach Lektüre seiner Erzählungen und Romane hätte ich das wohl eher nicht gesagt.) Einige seiner Texte sehe ich jetzt mit etwas anderen Augen und zum Glück gibt es von Wagenbach und zuletzt auch Reiner Stach noch jede Menge Nachschub an Kafka-Material.

PS: Das Buch mit allen Inhalten und Verknüpfungen zu den heute existierenden Gebäuden würden ein tolle App ergeben!

 

Vladimir Sorokin: Der Schneesturm

Sorokin
Russland im Winter: Zugeschneite Landschaften so weit das Auge reicht. Die vom Kachelofen aufgeheizte, gemütliche Stube – ein Laib Brot liegt neben Samowar und Konfitüre auf dem Tisch – möchte da natürlich niemand freiwillig verlassen. Erst recht nicht, wenn ein schwerer Schneesturm im Anzug ist.
Vladimir Sorokin skizziert in seinem kurzen Roman gleich zu Beginn Bilder und Motive, wie man sie aus den russischen Klassikern des 19. Jahrhunderts oder Märchenfilmen kennt, um sie dann Stück für Stück mit Hightech- und phantastischen Elementen auseinanderzuspalten. Statt in der guten alten Zeit befinden wir uns, ohne dass wir es sofort merken, in einer äußerst bedrohlichen Zukunft oder Gegenwelt.
Landarzt Garin wurde zu einem Impfeinsatz (gegen die aus Bolivien eingeschleppte Pest, die Menschen in Zombies verwandelt) gerufen und muss bei der Fahrt auf die Hilfe des Brotkutschers Kosma zurückgreifen. Zusammen machen sie sich auf den abenteuerlichen Weg durch den Schnee, gezogen wird ihr Schlitten von 50 sympathischen Kleinpferden. Immer wieder kommen sie vom Weg ab, verirren sich, und müssen den Schlitten reparieren. Ein kleiner Müller oder ein toter, festgefrorener Riese tauchen auf, durch Träume erfährt man mehr aus dem Leben der beiden (Anti-)Helden. Schließlich streiten und prügeln sie sich auch mal, kommen sie sich dann wieder näher.
Zu den eindringlichsten Szenen gehören jedoch die intensiven Visionen, in denen Traum und Wirklichkeit ineinander verschwimmen und auch der Text langsam aber stetig zum Alptraum wird. Nach dem Konsum einer teuren Droge erlebt Garin zum Beispiel die Marter (Johannes des Evangelisten?) in einem kochenden Ölkessel.
So gibt es in dem Buch noch viele Anspielungen und Allegorien, geht es weit über reine Phantastik hinaus. Nach den älteren Jahrgängen Zypkin und Gasdanow nun ein weiterer sehr empfehlenswerter, aber zeitgenössischer russischer Autor!

Klaus Modick: Sunset & Michael Lentz: Pazifik Exil

Modick und Lentz
Zwei Romane, ein Thema. Klaus Modick (geb. 1951) und Michael Lentz (geb. 1964) widmen sich in ihren Büchern „Sunset“ (2011) und „Pazifik Exil“ (2007) den Lebensläufen einiger während des Nationalsozialismus nach Kalifornien ausgewanderter Intellektuellen. Das Thema beider Bücher ist zwar identisch (und die Buchcover sehr ähnlich), doch umgesetzt wurde es jeweils ganz anders. Daher hier und jetzt ein (etwas experimenteller) Buchvergleich:

1. DIE HELDEN
In beiden Romanen stehen die Ängste, Sorgen und Nöte der auf unterschiedlichen Wegen in die USA geflohenen Schriftsteller und Musiker im Mittelpunkt. Es geht um die Repressalien während der McCarthy-Ära aber auch um Erfolgsdruck und Neid zwischen den Kollegen. Klaus Modick beschränkt sich auf die letzten Lebensjahre Lion Feuchtwangers und dessen lebenslange Auseinandersetzung mit Bertolt Brecht. Michael Lentz hingegen schreibt zusätzlich aus den Perspektiven Arnold Schönbergs, Franz Werfels und Heinrich Manns. (Sein Buch ist daher auch mehr als doppelt so dick.)

2. FIKTION VS. REALITÄT
Während sich Modicks Feuchtwanger an einem einzigen Tag in chronologischen Rückblenden an die Gespräche mit Brecht erinnert, verfolgt Lentz mit zahlreichen inneren Monologen und Perspektivwechseln ein experimentelleres Konzept. Dass Klaus Modick ein hervorragender Feuchtwanger-Kenner ist, merkt man seinem konventionell erzählten Text an – irgendwie hat man das Gefühl, genau so ist das alles passiert. Michael Lentz hingegen bohrt sich regelrecht in die Köpfe seiner Protagonisten und dringt damit viel tiefer vor als es Schilderungen realer Begebenheiten schaffen könnten. Wenn z.B. Schönberg seitenlang über Thomas Mann grübelt, dem er seinen Lieblingssessel geliehen hatte und der im Sessel sitzend den „Doktor Faustus“ schrieb, dann ist man ihm als Person viel näher – auch wenn der Anteil der Fiktion gezwungenermaßen immer größer wird.

3. FAZIT
Ich empfehle die Lektüre beider Bücher: Sie ergänzen sich, da sie so unterschiedlich sind. Besonderen Spaß macht es, konkrete Querverbindungen zu entdecken; zumeist sind es historisch verbürgte Fakten, die in beiden Romanen auftauchen. Je nach Geschmack kann man mit dem konventionellen „Sunset“ oder dem sprachlich innovativeren (und anspruchvolleren) „Pazifik Exil“ mehr anfangen – gute Einblicke in das Leben deutschsprachiger Exilanten in den 1930er- bis 1950er-Jahren liefern beide!

Iain Banks: Die Wespenfabrik

Iain Banks
Warum die deutsche Erstausgabe der „Wespenfabrik“ des schottischen Schriftstellers Iain Banks bei Heyne 1991 in der Reihe Science Fiction & Fantasy erschien, ist mir nicht ganz klar. Offenbar wusste man damals nicht genau, unter welchem Label man die verstörende Familiengeschichte um den sadistischen Einzelgänger Francis am besten unter das Publikum bringt. Der Roman ist genausowenig Science Fiction wie Bret Easton Ellis‘ „American Psycho“ oder Günter Grass‘ „Die Blechtrommel“, zwei Bücher mit denen „Die Wespenfabrik“ schon desöfteren verglichen wurde.
Dass der sechzehnjährige Erzähler Francis ein Psychopath mit wenig Kontakt zur Außenwelt ist, wird schon auf den ersten Seiten klar, als er von seiner Leidenschaft Tiere zu quälen und zu töten berichtet. Stück für Stück blickt er zurück auf seine Kindheit und enthüllt drei hinterlistige Morde, die er an jüngeren Kindern begangen hat (oder haben will?), ohne dass man ihm es hätte nachweisen können. Sein älterer Bruder Eric hingegen ist auch offiziell als wahnsinnig anerkannt und gerade aus einer Anstalt geflohen. Bei all den verstörenden Details – die Wespenfabrik etwa ist eine von Francis in der Dachkammer eingerichtete Hexenküche, in der er mithilfe einer komplizierten Apparatur Wespen die Zukunft voraussagen lässt – liegt das eigentliche Drama wie so oft in der Familiengeschichte. Als Leser ahnt man es: Das abgeschlossene Arbeitszimmer des mürrischen Vaters birgt noch das ein oder andere Geheimnis, das am Ende natürlich gelüftet wird. Ohne diese arg konstruierten pseudopsychologischen Erklärungsversuche wäre der Roman hingegen noch beeindruckender, verstörender. So ist mein Fazit zwiespältig; an die ätzende Gesellschaftskritik von Ellis und das phantasievolle Geschichtspanorama von Grass reicht „Die Wespenfabrik“ in meinen Augen nicht heran.

Moacyr Scliar: Kafkas Leoparden

Moacyr Scliar
Schon wieder Kafka. Aber was der Brasilianer Moacyr Scliar (1937-2011) in seinem kleinen Roman aus dem fünfzeiligen Fragment Franz Kafkas „Leoparden im Tempel“ macht, ist viel mehr als eine verrückte Fingerübung: Der in Südamerika sehr bekannte Autor verknüpft Literatur- und Weltgeschichte zu einer rasanten und spannenden Abenteuerstory. Daher soll an dieser Stelle einmal nicht die Handlung nacherzählt werden. Es geht um Revolution, jüdische Schriftgelehrte, Geheimdienste und natürlich um Kafka, der sogar persönlich auftritt.
Wie dabei reale Personen und Ereignisse mit Fiktionen, Kafka-Deutungen und einer Coming of Age-Story überblendet werden, ist wirklich zauberhaft. Die schöne Ausstattung des im letzten Jahr im Lilienfeld Verlag erschienenen Buches und das informative Nachwort des Übersetzers Michael Kegler machen „Kafkas Leoparden“ zu einem echten Geheimtipp!