Margaret Atwood: Der Report der Magd

Fast 30 Jahre nach seiner Entstehung hat Margaret Atwoods dystopischer Roman “Der Report der Magd” nichts von seiner erschreckenden Wirkung verloren. Im Gegenteil: Einige Details aus der in einer nahen Zukunft spielenden Lebensgeschichte der Magd Desfred sind inzwischen kurz davor Wirklichkeit zu werden. Bevor Desfred wie alle Frauen ihren Job verlor, scannte sie Bücher aus Bibliotheken ein. Als sie ihren Bericht auf Audiokassetten aufnimmt, sind Bücher verboten und komplett aus dem Verkehr gezogen. Nur der Kommandant, in dessem Haus sie als eine der wenigen fruchtbaren Frauen einzig zu dem Zweck der Fortpflanzung gefangen gehalten wird, besitzt einige alte Bücher und Zeitschriften. Auslöser für den in Rückblicken geschilderten, sehr schnellen Umsturz in Nordamerika waren Umweltkatastrophen. Das strenge neue System ist natürlich nur durch totale Überwachung aufrechtzuerhalten.
Was den Roman außer seiner brisanten Themen so lesenswert macht, ist sein raffinierter Aufbau: Desfred berichtet (nach ihrer Rettung oder aus der Gefangenschaft?) aus ihrem trostlosen Alltag, Stück für Stück aber auch aus ihrer Vergangenheit mit Mann, Kind und rebellischer Freundin. Auf den letzten Seiten folgt dann als fiktiver Anhang das Protokoll eines wissenschafllichen Symposiums, das zum einen die Überlieferung des Berichts erläutert und außerdem das gesellschaftliche System als historisches einordnet.
“Der Report der Magd”, 1990 von Volker Schlöndorff verfilmt, ist ein absolut zeitloser Klassiker, der es locker mit Orwell und Huxley aufnehmen kann.

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Michel Faber: Die Weltenwanderin

Wer dieses Buch lesen oder die hoffentlich bald im Kino laufende Verfilmung “Under the Skin” unvoreingenommen sehen will, sollte jetzt schnell zum nächsten Beitrag scrollen oder klicken. Denn jeder einigermaßen sachliche Bericht über den 2000 erschienenen Roman kommt nicht ohne Nacherzählung der erschütternden Handlung aus. Das Buch ist auch deswegen so spannend, da man sich als Leser Zusammenhänge und Hintergründe Stück für Stück selbst erschließen muss – wer jetzt weiterliest, bringt sich selbst um dieses Vergnügen!
Worum geht es also? Isserley – scheinbar eine junge Frau – kurvt mit ihrem klapprigen Auto durch Schottland, um einsame, gut gebaute, männliche Tramper einzusammeln. Ihre enorme Oberweite ist dabei meist sehr hilfreich. Die Anhalter ahnen nur, dass mit Isserley etwas nicht stimmt. Als sie nach einer Narkose kastriert und mit herausgeschnittener Zunge in einem engen Käfig aufwachen, ist es für sie zu spät. Isserley wurde als umoperierte Jägerin einer außerirdischen Spezies beauftragt, Frischfleisch als teure Delikatesse für den zerstörten Heimatplaneten zu erbeuten. Ein mit dem letzten intergalaktischen Fleischtransport eingeflogener blinder Passagier entpuppt sich als Tier-, also Menschenschützer und verstärkt Isserleys Zweifel an dem Projekt und an ihrem Leben auf der Erde.
Der Perspektivwechsel Mensch – Tier ist im Roman so brutal und knallhart einleuchtend geschildert, dass dieses Buch auch als Plädoyer für Vegetarismus und gegen Massentierhaltung gelesen werden kann. Die einzelnen Tramperschicksale, Isserleys Vergangenheit und ihr tristes Außenseiter-Leben auf der Erde werden in stimmigen Episoden zwischengeblendet, oft nur angedeutet. Ein zusätzlicher Sog voll unheimlicher, verstörender Spannung entsteht.
Als Regisseur einer Verfilmung kann man sich keinen besseren Künstler vorstellen als den Briten Jonathan Glazer, der mit genialen Musikvideos u.a. zu Massive Attack (“Karmacoma”) oder UNKLE (“Rabbit in your Headlights”) bereits in die Filmgeschichte eingegangen ist. Scarlett Johannson als Isserley ist ebenfalls eine hervorragende Wahl und die ersten Filmtrailer lassen auf ein großes, eigenständiges Werk hoffen. Das Buch selbst ist momentan leider nur noch antiquarisch auf Deutsch lieferbar. Aber vielleicht sorgen der Filmstart oder prominente Fans wie Clemens J. Setz bald für eine Neuauflage.

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Neil MacGregor: Shakespeares ruhelose Welt

Von der ägyptischen Mumie bis zur chinesischen Solarlampe: 2010 sendete BBC Radio 4 eine Reihe von 100 jeweils 15-minütigen Sendungen, in denen Neil MacGregor, ehemaliger Direktor der Londoner National Gallery und seit 2002 des British Museum, genau ein Objekt aus den riesigen Sammlungen des Britischen Museums vorstellte. Das im Anschluss veröffentlichte Buch “A History of the World in 100 Objects” wurde ein großer Erfolg und in viele Sprachen, natürlich auch ins Deutsche übersetzt.
2012 widmete sich MacGregor in einer neuen 20-teiligen Reihe dem Thema William Shakespeare. Vor kurzem erschien das begleitende Buch “Shakespeares ruhelose Welt” bei C. H. Beck – genau passend zum diesjährigen 450. Geburstag des großen Dramatikers.
Die einfache und geniale Struktur des Vorgängerbuchs bleibt erhalten: Pro Kapitel wird ein einziges Objekt genauer vorgestellt. MacGregor zitiert Experten, fasst zusammen und ordnet ein. Der große Unterschied: Alle 20 Kapitel drehen sich um Shakespeare – zum Glück überhaupt nicht um seine Person sondern um seine Zeit; London und England des späten 16. und frühen 17. Jahrhunderts.
So beleuchtet MacGregor alle nur möglichen Aspekte, die zum Verständnis von Shakespeares Werken beitragen: Eine verlorene Eisengabel dient zum Einstieg in den Alltag der Theaterwelt um 1600. Über ein Schiffsmodell aus Holz, geschaffen als Dank an Gott für das Überleben auf See, kommt der Autor schnell zum weit verbreiteten Hexenglauben. Über Degen und Dolch zu Macht und Gewalt in der englischen Gesellschaft. Wie selbstverständlich baut er dabei immer wieder Original-Zitate aus “Macbeth”, “Romeo und Julia” und fast allen anderen Stücken ein.
Ob Druck, Gemälde, Buch, Glas, Kleidungsstück, Uhr usw. – immer wird der Zusammenhang zu Shakespeare sofort klar. So macht es nicht nur großen Spaß, dem Autor bei seinen Exkursionen zu folgen, man will sich mit dem neuen Wissen unweigerlich selbst in Shakespeares Texten auf die Suche begeben.
Einen Eindruck vermittelt dieses Video über eine Augenreliquie:
(Der Shakespeare-Fan liest nach unter “King Lear”, 3. Akt, 7. Szene!)

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Dantes Reise durch die Hölle – Die Göttliche Komödie als Gesellschaftsspiel

Dante Alighieris “La Divina Commedia” aus dem ersten Viertel des 14. Jahrhunderts ist einer der großen Klassiker der Weltliteratur. In Italien gehören die Geschichten von Dante, der erst mit dem antiken Dichter Vergil durch Hölle und Fegefeuer, dann mit seiner Angebeteten Beatrice durch den Himmel wandelt, zum Allgemeinwissen. Zusammen mit seinen Zeitgenossen Boccaccio und Petrarca hat Dante die italienische Literatur und Sprache geprägt.
Auch wenn immer wieder neue Übersetzungen ins Deutsche erscheinen, viele Episoden aus der Commedia bis heute andere Autoren, Musiker und bildende Künstler inspirieren, ereilt dem Werk unverdienterweise das Schicksal etlicher Klassiker und wird viel zu selten gelesen. Doch nie war es so leicht, einen Zugang zu Dante und seiner Welt zu bekommen: Schon vor zwei Jahren erschien Seymor Chwasts Graphic Novel bei Knesebeck, in diesem Jahr dann eine gut lesbare und kommentierte Prosaübersetzung von Kurt Flasch bei Fischer und noch bis März zeigt die Bonner Bundeskunsthalle in der großen Ausstellung “Florenz!” einige historische Ausgaben und Darstellungen der Commedia.
Wer aber einmal das Gesellschaftsspiel “Dantes Reise durch die Hölle” des kleinen Innsbrucker Verlags éditions foulland gespielt hat, wird schnell zum wißbegierigen Dante-Fan. Der Spieler wandert durch die neun Höllenkreise, muss Fragen beantworten, Aufgaben erfüllen usw. bis er möglichst als Erster den “Reinigungsort” Fegefeuer erreicht. Natürlich erfährt man dabei viel über Dante, seine Zeit, italienische Geschichte und Politik, antike Mythologie und Christentum. Und nicht zuletzt die Details aus den Illustrationen von Gustave Doré regen dazu an, nach dem Spiel nachzuschlagen welche Strafe welchen Sünder erwartet. Das liebevoll gestaltete Spiel war ein Crowdfunding-Projekt bei startnext und da es mit dem Inferno “nur” ein Drittel der Commedia abdeckt, kann man nur hoffen, dass Fegefeuer und Himmel in den nächsten Jahren folgen.

Dantes Reise durch die Hölle

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Jacek Dehnel: Saturn. Schwarze Bilder der Familie Goya

Die späten Bilder Francisco de Goyas, die sogenannten “Pinturas negras” (mehr dazu hier und hier), gehören zu den düstersten und rätselhaftesten im ohnehin schon bedrückenden Gesamtwerk des spanischen Malers. Wahrscheinlich um 1820 an die Wände der Quinta del Sordo (Villa des Tauben) außerhalb Madrids gemalt, wurden sie mehr als 50 Jahre später auf Leinwand übertragen. Heute befinden sich die 14 Werke, darunter der seinen Sohn verschlingende Saturn, der einsame Hund oder die wahnsinnigen Alten im Prado. Nachdem sich Generationen von Forschern an den Gemälden abgearbeitet und sie unterschiedlich ausgelegt haben – von direkten Reaktionen auf Krankheit, Hunger, Krieg und Inquisition bis hin zur Deutung als Vorläufer einer moderner Ästhetik – veröffentlichte der polnische Autor Jacek Dehnel (Jahrgang 1980) vor kurzem eine literarische Auseinandersetzung mit den Schwarzen Bildern, Goya und seiner Familie, die die Intensität der Gemälde eins zu eins in Textform überträgt und gleichzeitig einige Forschungsthesen auf den Kopf stellt.
Fiktive Romane über reale Personen sind immer Herausforderungen. Im Falle Goyas eine besonders große, da neben der erwähnten Forschungsliteratur und zahlreichen Biographien auch erstklassige Spielfilme (z.B. von Milos Forman oder Konrad Wolf) und Lion Feuchtwangers Roman-Klassiker aus dem Jahr 1951 die Messlatte sehr hoch hängen. Doch Dehnel lässt sich nicht einschüchtern und liefert mit “Saturn. Schwarze Bilder der Familie Goya” eine ganz neue Sicht auf Werk und Künstler.
Abwechselnd kommen in kurzen Kapiteln Francisco, sein Sohn Javier und dessen Sohn Mariano zu Wort. Der große Maler entpuppt sich als alter geiler Bock, der seinen lethargischen Sohn nicht ernst nimmt und seine Schwiegertochter umwirbt. Gekonnt baut Dehnel neueste Forschungen zu den Schwarzen Bildern ein, nach denen nicht Goya sondern sein Sohn der Schöpfer ist. Der geschäftstüchtige Enkel wird die Bilder später verkaufen.
Zwischen den Monologen, die den harten und schmutzigen Alltag genauso schildern wie das angespannte Familienleben und das Geschäftemachen mit der Kunst, finden sich von der Handlung des Romans losgelöste Kurzgeschichten zu den 14 Schwarzen Bildern. Auf nicht mehr als zwei bis drei Seiten beschwört Dehnel die Intensität der Bilder herauf: Geräusche, Gerüche, Gefühle werden in einer Eindringlichkeit ausgedrückt, wie es einem sonst nur beim Betrachten der Originale passieren könnte. Ihm gelingt es, den inzwischen von der Forschung verstellten Blick auf die Werke wieder frei zu machen – egal ob Goya selbst sie geschaffen hat oder nicht. Zwar lassen die schwarzweissen Abbildungen so manche Details im Dunkeln, dennoch bleibt nach der Lektüre ein tiefer Eindruck und der dringende Wunsch, bald wieder in den Prado zu fahren und die Schwarzen Bilder selbst anzusehen.

Jacek Dehnel: Saturn. Schwarze Bilder der Familie Goya

Jacek Dehnel
“Saturn. Schwarze Bilder der Familie Goya”
Hanser Verlag
Seiten: 272
ISBN: 978-3-446-24328-6
Preis: 19,90 €

Gewinnspiel zum Jahresende!
Wir verlosen ein brandneues Exemplar dieses spannenden Buches unter allen Kommentatoren dieses Eintrags und des Facebook-Eintrags, die bis zum Jahresende (31.12.2013 23.59 Uhr) den/die persönliche/n Lieblingskünstler/in  in das Kommentarfeld schreiben. Der Gewinner / die Gewinnerin wird durch Los bestimmt und per E-Mail kontaktiert. Das Gewinnspiel steht in keiner Verbindung mit Facebook und wird auch nicht von Facebook gesponsert, unterstützt oder organisiert. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.
Nachtrag vom 1. Januar: Andrea hat gewonnen! Herzlichen Glückwunsch! (Ein kleiner Trost für alle anderen Teilnehmer: Es gibt sicher bald wieder etwas zu gewinnen. Schaut hin und wieder vorbei!)

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Umberto Eco: Die Geschichte der legendären Länder und Städte

Umberto Eco ist Sammler und Enzyklopädist. Seine Kenntnisse in Geschichte, Philosophie, Kunst, Literatur und Politik machen einige seiner Romane zuweilen etwas langatmig, die Sachbücher aber zu unglaublich dichten Wissensspeichern und Nachschlagewerken. Mit “Die Geschichte der legendären Länder und Städte” erscheint nun zwar nicht das erste Kompendium, das sich dem Thema fiktiver Orte widmet, aber aufgrund des Autors weiten Horizont ein mit besonders vielen Fakten und Quellen angereicherter Überblick. Dabei unterscheidet Eco zwischen rein fiktiven Orten, wie sie zum Beispiel allein in Romanen auftauchen (etwa Leopold Blooms Haus in Dublin) und Orten, an deren Existenz man tatsächlich glaubte (und zum Teil bis heute glaubt).
Eco ist also vor allem menschlichen Irrtümern auf der Spur: Von der Welt als Scheibe, zu den Wundern des Orients, über die Glückseligen Inseln, zum Schlaraffenland oder ins Erdinnere – in fünfzehn Kapitel reisen wir durch Geschichte und Religionen, Kontinente und Epochen. Der Erzähler hält sich zum Glück immer sachlich an die Quellen, welche am Kapitelende ausführlich zitiert werden. Nur im Falle der modernen “Erfindung von Rennes-Le-Chateâu” räumt er deutlich mit Mythen über den Heiligen Gral auf, wie sie u.a. auch Dan Brown in seinen Bestsellern weiterverbreitete.
Die unzähligen, teilweise langen Zitate aus den Originalen machen große Lust, sich selbst auf die Suche nach den legendären Orten zu begeben, zum Beispiel noch einmal mit Kapitän Nemo nach Atlantis zu tauchen oder mit Marco Polo den Wundern der Welt nachzugehen. Neben einigen bekannten Orten stellt Eco aber auch viele Legenden vor, die heute in Vergessenheit geraten sind. Besonders beeindruckend sind Geschichten über Bewohner solch legendärer Orte; der einfüßige Skiapode beispielsweise kann blitzschnell laufen und schützt sich liegend mit seinem riesigen Fuß vor der Sonne.
Es sind vor allem die vielen prächtigen Abbildungen, die das Buch zu einem echten Augenschmaus machen und gleichzeitig weit mehr leisten, als einfach “nur” den Text zu illustrieren. Die aufwendig recherchierten Gemälde, Buchmalereien, Druckgrafiken, Skulpturen und Fotografien zeigen den riesigen Kosmos legendärer Orte. Denn jeder Künstler hält in seinem Werk ja immer auch eine ganz eigene Idee, einen eigenen Traum fest, der sich oft von den Textquellen unterscheidet. Somit kann es hin und wieder auch passieren, dass der Zusammenhang zwischen Abbildung und Text (zum Beispiel Piet Mondrians Triptychon “Die Evolution” im Kapitel zu Atlantis) nicht so leicht zu entschlüsseln ist.
Im letzten Kapitel widmet sich Eco dann den legendären literarischen Stätten und ihren wahren Hintergründen. Natürlich können da nur wenige Beispiele vorgestellt werden. Aber von Rabelais, Dracula, Sindbad, Philip K. Dick, Borges, Calvino bis hin zu Tim und Struppi versammelt er auch hier einige phantasievolle Leckerbissen. Schließlich spricht es sehr für Eco und sein Buch, dass er nicht zwischen Unterhaltungs- und Ernster Literatur unterscheidet, sondern auch moderne Massenphänomene wie Film und Comic einbezieht. Vielleicht hat er auch deshalb bei diesem kleinen sympathischen Video mitgemacht, in dem er selbst durch einige legendäre Landschaften wandert.

Das Beste zum Schluss! Wir verlosen ein brandneues Exemplar dieses prachtvollen Buches unter allen Kommentatoren dieses Eintrags, die bis zum Ende des 6. Dezember 2013 kurz kommentieren, welches ihr Lieblingsbuch von Umberto Eco ist und warum. (Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.)
Nachtrag vom 7. Dezember: Rolf darf sich über das Buch freuen! Allen anderen: Es gibt bald wieder etwas zu gewinnen.

Umberto Eco
„Die Geschichte der legendären Länder und Städte“
Hanser Verlag
Seiten: 480
ISBN: 978-3-446-24382-8
Preis: 39,90 €

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Die Romantherapie – 253 Bücher für ein besseres Leben

Eigentlich ahnt es jeder Leser: Ein guter Roman hilft in vielen Situationen und Lebenslagen. Doch die englischen Bibliotherapheutinnen Ella Berthoud und Susan Elderkin haben zum ersten Mal zusammengetragen und alphabetisch sortiert, welche Bücher bei Leiden von A wie Abschied bis Z wie Zurückweisung konkret helfen können. Für die deutsche Ausgabe aus dem Insel Verlag hat Traudl Bünger (u.a. Programmredakteurin der lit.COLOGNE) einige deutschsprachige Romane hinzugefügt.
Natürlich ersetzt “Die Romantherapie” nicht den Gang zum Arzt oder Therapeuten aber in kurzen, sehr unterhaltsamen Einträgen werden mehr oder weniger alltägliche Zustände, Gefühle und Ereignisse wie Ehebruch, Kaufsucht, Midlife-Crisis oder Prokrastination kurz beschrieben und dann mit jeweils einem oder zwei Romantipps verknüpft. Dabei finden die großen Klassiker der Weltliteratur (Obsession: “Der Tod in Venedig”, Montagmorgen-Gefühl: “Mrs. Dalloway”, zu frühe Heirat: “Effi Briest”) genauso ihren Platz wie unbekanntere oder zeitgenössische Literatur (Krise: “Das war ich nicht” von Kristof Magnusson“, Außenseiter: “Oscar und Lucinda” von Peter Carey). Und genau diese bunte und kenntnisreiche Mischung macht “Die Romantherapie” zu einem unerschöpflichen Nachschlagewerk in Sachen guter Literatur. Die vernetzte Struktur, inklusive Verweise auf andere Einträge, regt an zum Vor- und Zurückblättern. Auf der passenden Internetseite kann man sogar selbst Rezeptvorschläge einreichen, bzw. die anderer User nutzen.
Zwischen den einzelnen Einträgen von A bis Z beschreiben die Autorinnen sogenannte Leseleiden: Treffsicher analysieren sie mit welchen spezifischen Phänomenen Leser/innen und ihr Umfeld zu kämpfen haben: Von der Angst ein Buch zu beginnen oder zu beenden, zwanghaften Buchkäufen oder dem Umgang mit einem nichtlesenden Partner – auch hier erinnert man sich oft an eigene Erfahrungen rund ums Lesen, nur hat es noch niemand so pointiert aufgeschrieben.
In dem schön gestalteten Buch gibt es zusätzlich über 30 Listen mit Lektüretipps für die unterschiedlichsten Gelegenheiten: Ob die zehn besten Romane für eine Zugfahrt (natürlich mit “Nachtzug nach Lissabon” und “Mord im Orientexpress”) oder die zehn besten Hörbücher für aggressive Autofahrer (u.a. mit “American Psycho” und “Tschick”) – auch hier finden sich jede Menge Anregungen, egal ob man tatsächlich Zug oder Auto fährt. Und genau das ist auch das Schöne an der “Romantherapie”: Ganz gleich ob man eine Therapie wirklich nötig hat oder nicht; dieses Buch macht große Lust auf Literatur.

Traudl Bünger, Ella Berthoud, Susan Elderkin:
“Die Romantherapie – 253 Bücher für ein besseres Leben”
Insel Verlag
Seiten: 430
ISBN: 978-3-458-17589-6
Preis: 20,00 €

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Unter vier Augen. Sprachen des Porträts

Unter den Kunstgattungen ist es gerade das Porträt, das mit uns Betrachtern direkt eine Verbindung aufnimmt, auch wenn uns der oder die Porträtierte einmal nicht direkt in die Augen schaut. So ist die Idee der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe besonders naheliegend, 50 Porträts ihrer umfangreichen Gemäldesammlung, ganz unterschiedlichen Autorinnen und Autoren vorzulegen und ganz individuelle Kurztexte anzufordern: Ein Gesicht, ein Ausdruck, ein Hut oder eine Frisur inspiriert jeden guten Schriftsteller zu einer Geschichte, egal ob sie wahr ist oder nicht.
Und so macht gerade die abwechslungsreiche und unterhaltsame Mischung der besprochenen Werke, der Autoren und der Textformen, das kleinformatige aber dicke Buch zu viel mehr als zu einem klassischen Ausstellungskatalog. (Die Ausstellung wurde übrigens gerade bis zum 3. November verlängert.)
Die Kunstwerke: Chronologisch geht es los mit einem anonymen Gelehrtenbildnis aus dem 15. Jahrhundert über Werke von Cranach, Rembrandt, Rubens, Mengs und endet mit Scholz, Dix und Gertsch. Etliche unbekanntere Künstler sind auch dabei. (Im Online-Katalog des Museums kann man übrigens alle Werke noch einmal nachschlagen.)
Die Autoren: Neben Kuratoren aus Karslruhe sind Kunsthistoriker wie Werner Busch, Hans Belting oder Valeska von Rosen vertreten. Die Schriftsteller Michael Kumpfmüller, Eva Menasse, Martin Walser, Herta Müller, Ursula Krechel und der Philosoph Peter Sloterdijk haben auch mitgemacht.
Die Texte: Von ganz unterschiedlicher Qualität sind die Ergebnisse dieser Dialoge. Gewohnt präzise und erhellend deutet Werner Busch ein Gemälde aus der Zeit der Aufklärung. Juli Zeh lässt sich durch Dix’ Bild einer Schwangeren zu einer düsteren Kurzgeschichte inspirieren. Eva Menasse musste beim Dreier-Poträt von Anton Graff sofort an Tschechows Schwestern denken und kommt dem Gemälde duch genaues Hinsehen unglaublich nah. Natürlich ist nicht jeder Beitrag gelungen aber das lässt den nächsten nur umso stärker strahlen.
Im Blog des Verlags erzählen der Kunsthistoriker Ernst Seidl und die Krimi-Autorin Zoë Beck, warum sie sich gerade für Porträts von Tissot und Kanoldt entschieden haben. Die Aussage Seidls, dass es äußerliche Ähnlichkeiten zwischen Autor und besprochenem Werk gebe, kann jeder anhand des Anhangs, in dem Fotos (und Kurzbiographien) aller Autoren abgedruckt sind, leicht überprüfen. (Mir scheint, da ist tatsächlich etwas Wahres dran!)
Auch wenn Kunstwerke aus der Berliner Gemäldegalerie (“Galerie der Namenlosen”) oder der Hamburger Kunsthalle aktuell ebenfalls von Schriftstellern in Essays und Kurzgeschichten vorgestellt werden, so sticht das Karlsruher Projekt durch die Vielfalt der Autoren und den handlichen Katalog mit guten Abbildungen besonders hervor. “Unter vier Augen” ist ein liebevoll gemachtes Kunst-Lesebuch, welches man noch in einigen Jahren gern zur Hand nehmen und bei dem ein oder anderen Text sicher erneut hängen bleiben wird.

“Unter vier Augen. Sprachen des Porträts”
herausgegeben von Staatliche Kunsthalle Karlsruhe
Kerber Verlag
Seiten: 396
ISBN: 978-3-86678-812-1
Preis: 35,99 €

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Thomas Glavinic: Die Arbeit der Nacht

Nur wenige Bücher haben das Zeug, von der ersten bis zur letzten Seite zu fesseln, den Leser völlig aus der Bahn zu werfen und ihn verstört zurückzulassen. “Die Arbeit der Nacht” ist so ein Buch. Es liegt aber gar nicht so sehr an der Handlung (Mann wacht eines Tages auf und ist allein auf der Welt.) sondern vielmehr an den beängstigend nachvollziehbaren und vollkommen realistischen Auswirkungen des Alleinseins auf Jonas, den “Helden” des Romans.
Im englischen Sprachraum bilden Dystopien oder Endzeitromane wie Stephen Kings “The Stand – Das letzte Gefecht”, Cormac McCarthys “Die Straße” (vor drei Jahren war ich von diesem schmalen Buch ebenfalls schwer beeindruckt) oder Richard Mathesons “Ich bin Legende” als doomsday novels eine eigene, sehr beliebte literarische Gattung. Doch während in vielen dieser Bücher die Erde nach dem 3. Weltkrieg, dem atomaren Supergau oder sonstigen Mega-Katastrophen geschildert wird, oft mit Auftritten von Zombies oder sonstigen Monstern, bleibt bei “Die Arbeit der Nacht” alles in der Schwebe. Weder wird erzählt, warum Jonas plötzlich allein durch Wien irrt, noch ob es irgendwo auf der Welt andere Überlebende gibt. Und – das ist für uns Leser wohl am erschütterndsten – es gibt nicht das geringste Zeichen auf Hoffnung oder Rettung. Im Gegenteil, je länger Jonas mit sich allein ist, desto mehr kreisen seine Gedanken um sich selbst, beschäftigt er sich mit seiner eigenen Vergangenheit.
Er rekonstruiert etwa die Wohnung seiner Eltern oder macht sich auf die Reise nach England, wo sich eigentlich seine Freundin aufhalten sollte. Durch Zufall kommt Jonas dem “Schläfer” auf die Spur: Er filmt sich während des Schlafs und entdeckt, dass er als mysteriöser Schlafwandler gegen sich selbst arbeitet, z.B. die tagsüber zurückgelegte Strecke nach England in der Nacht wieder zurückfährt. Immer mehr gerät Jonas in eine Spirale aus Angst und Verfolgungswahn – oder sind die Schritte und Stimmen, die ihn fast nie zur Ruhe kommen lassen, am Ende gar nicht eingebildet?
Genau wie Tom McCarthys “8 1/2 Millionen” oder Marlen Haushofers “Die Wand” ist “Die Arbeit der Nacht” ein Buch mit philosophischen Dimensionen, über die man wohl noch lange nachsinnen könnte.

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Gaito Gasdanow: Das Phantom des Alexander Wolf

Als im letzten Jahr die erste deutsche Übersetzung von Gaito Gasdanows (1903-1971) Roman “Das Phantom des Alexander Wolf” erschien, waren die hiesigen Literaturkritiker ganz aus dem Häuschen. Meisterwerk, Klassiker, Nabokov ebenbürtig, der Kultur-Spiegel schrieb gar “Roman, der das Zeug hat, Ihr Leben zu verändern”. Und (spätestens) dann hätte man stutzig werden müssen. Sicher, “Das Phantom…” ist ein gutes und teilweise spannendes Buch. Mein Leben wird es aber schon deswegen nicht ändern, weil ich die zweifelhaften, (pseudo-)philosophischen Selbsterkenntnis-Passagen schnell wieder vergessen habe. (Warum läuft unser Leben genau so und nicht anders? Warum sind wir so, wie wir sind?)
Der Romanbeginn dagegen ist wirklich originell: Der Erzähler erinnert sich an einen in der Jugend begangenen Mord, der ihn seitdem nicht mehr loslässt. Als er (1. Zufall) eine Kurzgeschichte aus der Perspektive seines Opfers liest, mit Details die nur diese Person kennen kann, begibt er sich auf die Suche nach dem Autor. In einer Kneipe lernt er (2. Zufall) einen Freund des Gesuchten kennen und schließlich (3. Zufall) dessen Ex-Geliebte. Dass es sich um die Verflossene des Phantoms Alexander Wolf handelt, wird schnell offensichtlich (nur nicht für den Erzähler selbst). Ihr Ex-Mann hatte einen sehr düsteren Einfluss auf sie (natürlich ausgelöst durch das Duell) – allein aus Gründen der Romankonstruktion kann der Ex-Mann nur das Phantom sein.
Kurz: Statt Weltliteratur haben wir es hier mit einem klassischen, manchmal arg konstruierten Thriller (inkl. Boxkämpfe und Kleinkriminalität) zu tun. Gepaart wird das alles mit langen, handlungsarmen Überlegungen über den Lauf des Lebens, Zufälle und Vorherbestimmung. Seit Pascal Merciers “Nachtzug nach Lissabon” ist mein Bedarf an solchen Passagen allerdings gedeckt.
Das interessante Nachwort über die russische Exilliteratur reißt das Ruder dann leider auch nicht mehr herum. Wer auf der Suche nach einem echten, lang vergessenen Meisterwerk der modernen russischen Literatur ist, dem empfehle ich dringend Leonid Zypkins “Ein Sommer in Baden Baden”!

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