David Markson: Wittgensteins Mätresse

Kate ist allein auf der Welt. Sie zieht durch die großen Städte auf der Suche nach anderen Menschen. Doch niemand reagiert auf ihre Botschaften, die sie auf den Straßen hinterlässt. Jetzt sitzt sie in einem Haus an der US-Ostküste und tippt alles, was ihr gerade einfällt, in eine Schreibmaschine. Bei Pausen lässt sie das Papier eingespannt und schreibt später einfach weiter, zum Beispiel zerlegt sie ein Nachbarhaus, um an Brennholz zu kommen oder besorgt sich Wasser aus einem inzwischen wieder sauberen Fluss. Sie lebt von Dossenessen, streift im Sommer gern nackt durch die Gegend, schreibt über Masturbation und Regelblutungen.

Im Laufe des Romans “Wittgensteins Mätresse” von David Markson (1927-2010), 1988 in den USA erschienen und erst jetzt zum ersten Mal ins Deutsche übersetzt, erfahren wir noch mehr über Kate, die ihren eigenen Namen übrigens nur ein einziges Mal nennt: Sie war eine angesehene Malerin, nahm an Gruppenausstellungen mit berühmten Kollegen teil, war befreundet mit de Kooning und Rauschenberg und kennt nahezu alle wichtigen Kunsttheoretiker des 20. Jahrhunderts. Irgendwann setzte sie (Unfall oder Absicht?) ihr Haus in Brand, der Sohn kam ums Leben und der Ehemann verließ sie.

Kates Reise (eingebildet oder real spielt bald keine Rolle mehr) führt sie in die berühmtesten Museen der Welt: Sie bestaunt Turner in der Tate, Rembrandt im Rijksmuseum, Rogier van der Weyden im Prado. Im New Yorker Metropolitan Museum hängt sie die selbst gemalten Porträts ihrer Eltern an die Museumswände. Die Rahmen (nicht die Bilder) der alten Meister verbrennt sie, um sich an dem Feuer zu wärmen. Doch all diese Details aus Kates postapokalyptischen Leben werden bruchstückhaft, nicht chronologisch und erst recht nicht immer logisch aufgezählt: Einmal verstauchte sie sich den Knöchel im Metropolitan, dann passierte es doch in der Eremitage. Nicht Rainer Maria Rilke schrieb die “Fälschung der Welt”, sondern William Gaddis. Rembrandts “Nachtwache” hängt nicht in der Tate Gallery. Oder sind das alles eher Fragen der eigenen Erinnerung?

Ein im Wind flatterndes Klebeband am Fenster erinnert Kate an eine Katze. Immer wenn der Wind weht, fängt sie wieder an, über Katzen zu schreiben. Denn mit dem Schreiben kommt die Erinnerung. Doch: “Wie man sich an bestimmte Dinge erinnert, ist mir schleierhaft.” (S. 76). Die Ich-Erzählerin arbeitet sich geradezu an ihrer eigenen Erinnerung ab und ihr Text spiegelt dies eins zu eins: Scheinbar ohne Zusammenhang wiederholt sie ständig und rastlos kurze Gedankensplitter. Ein Absatz ist oft nur ein bis zwei Zeilen lang. Alles wird in Frage gestellt, zurückgenommen und bis zur Schmerzgrenze neu beschrieben. Denn: “Ich werde mir nicht die Mühe machen, wieder darauf hinzuweisen, wie ungenau die Sprache häufig ist.” (S.100). Zusammen mit dem inflationären Einsatz von Adverben wie  tatsächlich, obwohl, sozusagen und offensichtlich ist das Buch nicht nur “schwerverdaulich anspielungsreich” (so David Foster Wallace im beigefügten Essay) sondern auch eine harte Geduldsprobe für den Leser.

Für seine Mühen wird man erst nach der Lektüre belohnt: Zum einen sind es poetische und bedeutungsschwere Bilder, die einen nicht mehr loslassen. (Kate verbrennt beispielsweise jede Seite eines Buches nachdem sie sie gelesen hat und lässt die schwarzen Blätter, bevor sie zerfallen, wie Möwen durch die Luft schweben.) Zum anderen, da ist dem Verlag sehr für den Anhang zu danken, liefern Texte von Elfriede Jelinek und David Foster Wallace Hilfestellungen, um die philosophischen Dimensionen des Romans zumindest erahnen zu können. Dass er etliche Deutungs- und Denkräume öffnet, wird schnell klar. Dass er sich jedoch an Stichworten und Ideen (Wallace: “migräneträchtige Mentalgymnastik”) des Philosophen Ludwig Wittgenstein (1889-1951) abarbeitet, sieht ja nur der Wittgenstein-Kenner.

“Wittgensteins Mätresse” ist ein Buch über Einsamkeit, Depression und Wahnsinn. Der eigene Kopf ist ein Museum, eine Bibliothek, in dem ganz persönliche Bilder hängen und Bücher stehen, egal was Rembrandt gemalt oder Gaddis geschrieben hat. Wallace nennt es zu Recht “philosophische Science Fiction”.

Mehr über das Buch gibt es bei deep read, Bonaventura und Literaturen und eine Leseprobe beim Berlin Verlag.

David Markson:
“Wittgensteins Mätresse”
Aus dem Englischen von Sissi Tax
Berlin Verlag 2013
Gebunden mit Schutzumschlag und Lesebändchen, 336 Seiten
22,99 € (D)
ISBN 978-3-8270-0817-6

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Muriel Spark: Die Blütezeit der Miss Jean Brodie

Muriel Sparks kurzen Roman “Die Blütezeit der Miss Jean Brodie” (1961) sollte man schon ganz genau lesen, um das ein oder andere wichtige Detail nicht zu übersehen. Auf den ersten Blick nämlich scheint das Buch eine der klassischen Lehrer-Schüler-Geschichten der Gattung unkonventioneller Lehrkörper erzieht seine/ihre Schüler/innen zu selbstbewussten und eigenständigen Persönlichkeiten (siehe “Der Club der toten Dichter” oder “Mona Lisas Lächeln“).
Aber Miss Jean Brodie ist anders: “Gebt mir ein Mädchen im beeinflußbaren Alter, und sie ist mein fürs Leben.” lautet das Motto der eigenwilligen Lehrerin. In ständig durch Vor- und Rückblicke unterbrochenen Episoden wird der Schulalltag der sechsköpfigen Mädchenclique, Miss Brodies handverlesene Lieblingsschülerinnen, erzählt. Da fällt es anfangs gar nicht weiter auf, dass Miss Brodie den Mädchen neben Episoden ihres Liebeslebens auch von ihrem Faible für Mussolini und Hitler berichtet. Doch Jahr für Jahr werden die Schülerinnen immer mehr zum Spielball der Lehrerin, geraten außerdem zwischen die Fronten, denn die Direktorin möchte Miss Brodie gern loswerden. Im Mittelpunkt des Buches steht die verzwickte Dreiecksbeziehung zwischen Miss Brodie, dem Zeichen- und dem Musiklehrer – den einen will sie, den anderen kann sie aber nur haben. Wie Marionetten lenkt sie die Mädchen, um ihren Willen zu erreichen. Doch ein Mädchen beginnt, den hinterlistigen Charakter der einst so bewunderten Lehrerin zu durchschauen.
In seinem Buch “Die Kunst des Erzählens” beschreibt der amerikanische Literaturkritiker James Wood “Die Blütezeit der Miss Jean Brodie” als postmodernen Roman. Wem kann man trauen? (Miss Brodie, den Mädchen, der Direktorin, dem Erzähler? Niemandem, nur seiner eigenen Leseerfahrung!) Was bewirkt der reduzierte Stil des Buches? (Der Leser selbst muss ergänzen!)
Spielfilm, Theaterstück und TV-Serie beweisen es: Im Vereinigten Königreich gehören Zitate aus “The Prime of Miss Jean Brodie” zur Allgemeinbildung (“Ich bin in meinen besten Jahren.”). Und seit kurzem dürfen sich auch deutsche Abiturienten im Englisch-Unterricht mit Miss Jean Brodie beschäftigen. Ob ihnen das Buch genauso gut gefällt wie mir?

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Evelyn Waugh: Eine Handvoll Staub

Mit der Verfilmung des Romans “Brideshead Revisited” im Jahr 2008 ist der englische Autor Evelyn Waugh (1903-1966) auch hierzulande etwas bekannter geworden. Im Vereinigten Königreich gerhört er schon lange zu den großen Klassikern. Das von einigen Kritikern als sein bestes Buch bezeichnete “A Handful of Dust” gibt es in deutschen Übersetzungen allerdings nur noch antiquarisch. Daran sollte sich schnellstens etwas ändern!
Die Handlung dieser bissigen Gesellschaftssatire ist schnell nacherzählt: Brenda langweilt sich im neogotischen Schlösschen ihres adeligen Gatten Tony. Sie beginnt eine Affäre mit einem blassen Muttersöhnchen und nimmt den Tod ihres Sohnes bei einem Reitunfall zum Anlass, Tony zu verlassen. Dieser fällt aus allen Wolken, lässt sich erst noch auf die Idee der Anwälte ein, einen Seitensprung vorzutäuschen, damit Brenda Scheidungsklage einreichen kann und zieht dann doch einen Schlussstrich, indem er sich auf eine wahnwitzige Brasilien-Expedition begibt. Dort gerät er tief im Dschungel auf einen verrückten, analphabetischen Dickens-Fan, der schon lange auf einen neuen Vorleser wartet.
Rasante Dialoge, schnelle Szenenwechsel, ein bitterböser und zynischer Humor. Das Lachen bleibt einem immer im Halse stecken: Die moderne englische Gesellschaft ist durch und durch verdorben und verlogen, jeder ist nur auf seinen eigenen Vorteil aus. (Brenda heiratet später übrigens Tonys besten Freund.) Einen Ausweg gibt es nicht. Diese Aussichtslosigkeit ist auch für den Leser manchmal schwer zu ertragen aber sie scheint in die Zeit zu passen: Das Buch erschien 1934, also kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Der Autor suchte sein Seelenheil indes in der Religion: 1930 konvertierte er zum Katholizismus.
Bei all den düsteren Aussichten gibt es dennoch immer wieder herrliche Slapstick-Szenen: Im Dschungel reicht man zur Begrüßung gern Cassiri, hergestellt aus gegorenem Maniok: “Die Frauen kauen die Wurzeln und spucken sie in einen hohlen Baumstumpf.”

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Blogger schenken Lesefreude: Gewinnspiel

Den heutigen Welttag des Buches feiern fast 1000 Blogs mit der gemeinsamen Aktion Blogger schenken Lesefreude. Ich bin dabei und verlose unter allen Kommentatoren dieses Beitrags ein brandneues Exemplar des großartigen Afrika-Abenteuerromans “Endagered” von Eliot Shrefer. Einzige Bedingung ist, dass Ihr folgende Frage richtig beantwortet: Wie heißt der kleine elternlose Bonobo-Affe, dem die Heldin Sophie gleich mehrmals das Leben rettet?
(Einsendeschluss ist der 30.04.2013 um 23.59 Uhr. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen!)

Und als Tipps noch zwei lesenwerte Blogs, die ebenfalls bei der Aktion mitmachen: 365 Tage Camus verlost – wie könnte es auch anders sein – ein Buch von Albert Camus! Und bei Neue Woertlichkeit. Magazin für Bücher gibt es Michael Köhlmeiers “Idylle mit ertrinkendem Hund”. Viel Glück!

Nachtrag 01.05.2013: Gewonnen hat Rachel vom Blog Bücherwahn, eine Benachrichtigung ist schon unterwegs! Vielen Dank allen Teilnehmern!

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Vladimir Nabokov: Pnin

Nein, hier hat doctotte (ausnahmsweise) mal nicht recht, wenn er schreibt, dass “Pnin” von Vladimir Nabokov “kein großes Buch” sei.
Meine Meinung: “Pnin” (einige Kapitel erschienen ab 1953 im New Yorker und das Buch dann 1957) ist ein so kluger, warmherziger, witziger und nach dazu gut lesbarer Roman, dass er gut und gerne als echter, uneingeschränkt zu empfehlender Klassiker bezeichnet werden kann!
Warum? Wie einige Bücher der gleichen Klasse bietet “Pnin” mehr als nur eine leicht zugängliche Handlung  – es folgen nämlich noch mindestens zwei tiefere Ebenen, die nicht so offensichtlich sind.
Zur Handlung: Das Leben des Titelhelden Pnin (älterer russischer Exilant an einer amerikanischen Universität) wird in sieben Kapiteln episodenhaft geschildert. Auf den ersten Blick scheint er der trottelige, zerstreute Professor, der mit der englischen Sprache auf Kriegsfuß steht und auch deshalb von seinen Kollegen parodiert wird. Der Mikrokosmos einer typischen amerikanischen Uni, Leben und Arbeiten in einer Uni-Kleinstadt, Konkurrenzen, Freundschaften usw. sind treffend und anschaulich beschrieben. Meisterhaft setzen die sieben Kapitel Schlaglichter innerhalb eines kurzen Zeitraums in Pnins Leben; einzelne Ereignisse (ein Treffen russischer Exilanten, der Besuch des Sohnes seiner Ex-Frau) werden hervorgehoben.
Doch ein zweiter Blick lohnt, denn die komplette Lebensgeschichte Pnins wird Stück für Stück und nicht immer chronologisch enthüllt. Der Leser kann, so er denn Interesse daran hat (und keine Ausgabe, die Pnins Leben chronologisch auflistet), die Biografie des Anti-Helden rekonstruieren. Man wird schnell merken, dass Pnin kein naiver Trottel ist, sondern er in seinem Leben schon viele prägende, oft dramatische Ereignisse hinter sich hat, die ihn haben so werden lassen wie er ist (Armeedienst, Flucht, Emigration, Scheidung von seiner Frau, KZ-Tod einer Jugendliebe).
Und dann die dritte Ebene: Nabokov lässt den Ich-Erzähler N. von Pnins Leben berichten. Anfangs erzählt er brav, gibt hin und wieder einen Kommentar ab, doch am Ende des Buchs taucht N. selbst auf, wird Teil der Handlung. (Er soll Pnins Nachfolger an der Uni werden.) Dieses Spiel mit den Realitäten (Kann man dem Erzähler eigentlich wirklich trauen?) ist so raffiniert und gekonnt, dass einem nichts anderes übrig bleibt, als das Buch noch einmal von vorn zu lesen.
Schon etliche Leser sind dem intellektuellen Charme von Nabokovs Romanen und Erzählungen erlegen. Bei der Erstlektüre von “Pnin” empfehle ich die kommentierte und mit Anmerkungen versehene Ausgabe von Dieter E. Zimmer. Ohne diese Tipps hätte ich vielleicht nicht alle Rätsel gelöst. Denn nur die echten Nabokov-Fans knacken auch jede noch so harte Nuss, z.B. (um im Bild zu bleiben) was es mit den vielen Eichhörnchen im Roman auf sich hat.

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Blogger schenken Lesefreude

Eine großartige Aktion zum Welttag des Buches haben sich die Bloggerinnen Dagmar und Christina ausgedacht: Am 23. April verlosen lesebegeisterte Blogger ein Buch unter all ihren Kommentatoren. Inzwischen haben sich über 600 Blogs gemeldet. Auf der Facebook-Seite werden die Teilnehmer und die zu verlosenden Bücher vorgestellt. Natürlich macht da auch KUNST BLOG BUCH mit! Verlosen werde ich übrigens nicht Zafóns “Die Schatten des Windes” sondern Eliot Schrefer großartigen Afrika-Abenteuer-Roman “Endangered”.

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Eliot Schrefer: Endangered

Bonobos gehören zu den vom Aussterben bedrohten Tierarten. Nicht nur, dass ihnen immer mehr Lebensraum in den tropischen Regenwäldern genommen wird, bis heute werden Bonobos gejagt und als sogenanntes Buschfleisch gegessen. In seinem Roman “Endangered” schreibt Eliot Schrefer über die Besonderheiten der Spezies aber auch über die brutale Geschichte ihrer Heimat, der heutigen Demokratischen Republik Kongo. Das Buch erzählt jedoch in erster Linie die spannende Geschichte der 14-jährigen Sophie, die zur Ersatzmutter des jungen Bonobo-Waisen Otto wird und mit ihm eine Odyssee durch ein vom Bürgerkrieg erschüttertes Land durchlebt.
Im Unterschied zu den ähnlich aussehenden Schimpansen sind Bonobos weniger gewalttätig, Weibchen übernehmen innerhalb der Gruppe die Führungsrolle und Aggressionen werden durch Sex abgebaut. Dies und noch viel mehr über Sozialverhalten, Nahrungsaufnahme, Kommunikation usw. bekommt man anschaulich (und jugendfrei) durch unterschiedliche Sitationen auf Sophies Reise oder im auf Bonobos spezialisierten Tierheim ihrer Mutter geschildert. Ohne mit Fakten zu nerven oder gar die Moralkeule zu schwingen, wird man zum Bonobo-Fan und bekommt gleichzeitig ein differenziertes Bild des Kongo und seiner Bewohner. Im Anhang des Buches gibt Schrefer ausführlich Auskunft zu seinen Quellen und Inspirationen. Die Station, auf der die Bonobos ausgewildert werden, gibt es wirklich: Lola Ya Bonobo, gegründet von der Tierschützerin Claudine André.
Schon Joseph Conrad schrieb in seiner düsteren Erzählung “Herz der Finsternis” von der grauenvolle Behandlung der Bewohner durch die belgischen Kolonialherren. Dass dieses noch lange nicht aufgearbeitete Kapitel in der Geschichte des Kongo nicht einfach ignoriert werden kann, dass die heutige Gewalt auf eine traurige Tradition zurückgeht, darüber berichtet auch David van Reybrouck in seinem gefeierten Sachbuch über das Land.
“Endangered” jedoch ist Fiktion und trägt trotzdem so viele dieser realen Themen in sich. Das Buch war 2012 unter den fünf Nominierten für den National Book Award in der Kategorie Young People’s Literature ist aber etwas für Leser aller Altersstufen. Egal, ob man sich bislang für die Geschichte Afrikas oder das Leben von Affen interessierte oder nicht, es hinterlässt garantiert bei allen einen nachhaltigen Eindruck!
Hoffentlich wird “Endangered” schnell ins Deutsche übersetzt, damit es noch mehr Leser findet!

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The Graphic Canon. The World’s great literature as comics and visuals

Die Idee ist so einfach und genial, dass ein findiger Herausgeber oder Verleger schon längst hätte darauf kommen müssen: Die unterschiedlichsten Zeichner, Illustratoren und Comic-Künstler liefern kurze Adaptionen zu Hauptwerken der Literaturgeschichte. Alles zusammen ergibt so etwas wie einen bunten und gleichzeitig ungemein bereichernden Überblick über erstens den aktuellen Stand in Sachen Illustration und zweitens über nichts weniger als die Literatur der gesamten Welt.
Graphic Novels sind seit “Maus”, “Persepolis” und “Fun Home” längst massenkompatibel und haben den klassischen Comic-Strip längst überholt. Schon immer gab es aber auch Künstler, die sich von literarischen Texten inspirieren liessen. In den drei dicken Bänden seines “The Graphic Canon” sammelt der amerikanische Autor und Herausgeber Russ Kick nun insgesamt 183 solcher Adaptionen vom Gilgamesch-Epos bis hin zu David Foster Wallace’ “Infinite Jest”; also von den ältesten erhaltenen Texten bis hin zu epochalen Neuerscheinungen der letzten Jahre.
Natürlich hätte ein solches Mammut-Projekt aus deutscher/deutschsprachiger Perspektive andere Schwerpunkte gesetzt. Im ersten Teil ist lediglich Hildegard von Bingen vertreten, in den folgenden Bänden sind immerhin Rilke, Hesse, Kafka, Nietzsche und die Gebrüder Grimm mit dabei. Doch egal, ob es sich nun um einen verbindlichen Kanon, eine Enzyklopädie oder doch “nur” um eine Anthologie handelt: Die ausgewählten Texte sind, genau wie die graphischen Interpretationen, so abwechslungsreich, dass schon allein der erste Band Lust macht, viele Texte selbst zu entdecken und sich auch mit den jeweiligen Zeichnern zu beschäftigen. (Den kompletten Überblick gibt es hier.)
Zu den berühmtesten Teilnehmern im ersten Teil des Projekts gehört sicher Robert Crumb, der sich mit James Boswells “London Journal” auseinandergesetzt hat. Andere der abgedruckten Kapitel sind Ausschnitte aus größeren Werken, etwa “Beowulf” von Gareth Hinds oder Dantes “Inferno” von Hunt Emerson. Die stilistische Vielfalt der Zeichner reicht von großformatigen Illustrationen mit wenig Text über klassische Panel-Comics in schwarzweiss hin zu filmischen Breitformaten oder verrückten Bild-Text-Experimenten. Nicht alles überzeugt sofort, doch dank der kurzen Einführungen des Herausgebers und der Texte im Anhang zu Text und Künstler hat man auch bei spröderen Interpretationen einige Hintergrundinformationen.
Großer Dank an die Büchergilde für diese Entdeckung! Wie wäre es mit einer deutsches Ausgabe? Gute Literatur und hervorragende Zeichner gibt es doch auch im deutschsprachigen Raum zuhauf!

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Jo Kyung Ran: Feine Kost

Eigentlich hätte man es nach einem kurzen Blick auf Klappentext und Pressezitate ja ahnen können: Romane, für die mit “Ein Fest für die Sinne” geworben und deren Handlung mit “Liebe geht durch den Magen” zusammengefasst werden, verschenkt man besser schnell an kochende Gelegenheitsleser. Denn nach so gelungenen Texten, in denen Essen und dessen Zubereitung eine große Rolle spielen wie “Kochen mit Fernet Branca” (witzig!) oder “Die Lust und ihr Preis” (vertrackt!), ist dem Genre Koch-Roman eigentlich nicht mehr viel Neues hinzuzufügen.
Die südkoreanische Autorin Jo Kyung Ran versucht es trotzdem: In ihrem Buch “Feine Kost” berichtet die junge Köchin Ji-won vom Verlust ihres abgöttisch geliebten Ehemanns, der sie wegen einer anderen hat sitzen lassen. Sie kompensiert dies – wie könnte es anders ein – mit Essenszubereitung, schließt zwar die gemeinsame Kochschule, geht aber zurück in ein Nobelrestaurant, in dem sie fast rund um die Uhr schuftet. Melancholisch, fast depressiv erinnert sich Ji-won an die Kindheit (die Oma brachte ihr das Kochen bei) und natürlich an die Zeit mit ihrem Mann, einem Architekten mit dem sie das Kochstudio baute und betrieb. Die Trauer schlägt langsam um in Hass und (Achtung: Spoilerwarnung!) die Neue des Ex-Mannes muss dran glauben.
Was in einzelnen Passagen sehr stimmungsvoll, poetisch beschrieben wird, kippt schnell in Richtung Küchen-Kitsch und Hobby-Psychologie. Für einen Thriller ist das alles nicht spannend genug und ihre Opfer verspeisende, bzw. zu Speisen zubereitenden Mörder gab es schon vor Hannibal Lecter.
Doch ein Totalverriss soll das hier nicht werden: “Feine Kost” ist ein kunstvoll komponierter Roman, dessen lyrische Qualitäten am Ende durch den platten, unmotivierten Mord überdeckt werden. Es ist u.a. auch interessant zu lesen, wie Köche in einem Restaurant mit italienischer Karte in Korea  ausgebildet werden, wie sich die Speisen der Edelrestaurants und die Geschmäcker der Gourmets dank der Globalisierung verändern.
In ihrer Heimat wurde Jo Kyung Ran mit einigen Preisen ausgezeichnet und es ist natürlich sehr zu begrüßen, dass koreanische Literatur ins Deutsche übersetzt wird. Also auch wenn “Feine Kost” nicht der ganz große Wurf ist, kann man von der Autorin sicher doch noch den ein oder anderen lesenswerten Roman erwarten.

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Florian Illies: 1913. Der Sommer der Jahrhunderts

Mit diesem Buch ist das so eine Sache. Unterhaltsam und leicht lesbar berichtet es chronologisch und mitunter in Mini-Absätzen vom Leben einiger Geistesgrößen des Jahres 1913. Natürlich erhebt es keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder Objektivität. Die Erlebnisse von hauptsächlich deutschen und österreichischen Malern und Schriftstellern wechseln sich ab, viele der Personen begleiten wir durch das gesamte Jahr. Zu den “Helden” gehören Kafka, Rilke, Kirchner, Kokoschka, Nolde, Kraus, Musil, Thomas Mann aber auch Schweitzer, Loos oder Freud. Hin und wieder lesen wir vom österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand, von Hitlers Versuchen als Maler und immerhin auch von den Frauen Else Lasker-Schüler, Alma Mahler und Virginia Woolf.
Die kurzen Schlaglichter sind gut gesetzt, erhöhen die Spannung und ergeben zusammen tatsächlich so etwas wie einen allgemeingültigen Blick auf das Jahr vor dem Einschnitt 1914. Aus dem Stimmengewirr stechen Themen wie die Beschäftigung mit sich selbst, das Leiden an der Moderne, die Unfähigkeit zur Liebe, ja die Kompliziertheit aller menschlichen Beziehungen heraus. Dass trotzdem oder gerade deswegen der moderne Roman, das abstrakte Kunstwerk oder die atonale Musik entstanden sind, wird nach der Lektüre etwas deutlicher.
Und jetzt das Aber:
Oft schrammen die Episoden haarscharf an belanglosem Klatsch und Tratsch vorbei. Selten beleuchten sie Hintergründe und Zusammenhänge so gut wie etwa bei Ernst Ludwig Kirchners Urlaubsbericht, der auf Fehmarn Treibholz eines gekenterten Schoners findet, aus dem er seine berühmten Skulpturen schnitzt. Gleich an mehreren Stellen stolpert man über Ungenauigkeiten und Flüchtigkeitsfehler. Nur ein Beispiel: Beim ersten Freideutschen Jugendtag wird erst von zweitausend Teilnehmern berichtet, auf der nächsten Seite sind es plötzlich dreitausend (S. 239f.). Interessanterweise sind es genau die beiden Zahlen, zwischen denen auch der entsprechende Wikipedia-Beitrag hin- und herspringt. Am Ende der fünf Seiten Literaturverzeichnis ist Wikipedia aufgeführt – allerdings nicht die einzelnen Stichworte.
Am Ende bleibt das Gefühl, was man auch nach einem literakturkritschen Sachbuch oder einer Sendung von Marcel Reich-Ranicki hatte: Polemik, Spaß, ein kurzweiliges Feuerwerk an Pointen ohne Spuren zu hinterlassen. Für alle, die mehr über das Jahrhundert wissen wollen, empfehle ich Peter Watsons “Das Lächeln der Medusa. Die Geschichte der Ideen und Menschen, die das moderne Denken geprägt haben”.

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