Walter Benjamin: Berliner Kindheit um neunzehnhundert

Schon lange steht das kleine Bändchen der Bibliothek Suhrkamp in meinem Regal. Jetzt habe ich Walter Benjamins, erst postum 1950 erschienenen Klassiker endlich gelesen. In 30 nur ein bis drei Seiten langen Prosaskizzen begibt sich der Ich-Erzähler auf die Suche nach ganz persönlichen Erinnerungen, die mit seiner Kindheit in Berlin zu tun haben. Das Nachwort von Theodor Adorno und das Editorische Postskriptum erläutern die Editionsgeschichte der ursprünglich einzeln und anonym veröffentlichten Texte. Erst 1981 fand man ein vom Autor selbst geordnetes Typoskript der Sammlung – über Anzahl und Reihenfolge der Skizzen gab es bis dahin unterschiedliche Angaben.
Zu den poetisch beschriebenen Erinnerungen gehören nicht nur Siegessäule, Tiergarten, Zoologischer Garten oder die Pfaueninsel. Auch eigentlich unscheinbare, für den kleinen Walter aber mit Gefühlen und Bedeutung aufgeladene Dinge und Ereignisse (u.a. aufgerollte Strümpfe oder ein Bücherschrank) lösen noch Jahre später viel im inzwischen erwachsenen Erzähler aus. Dass sich die Erinnerungen über die Zeit verändern können, gibt er dabei offen zu.  Neben vielen persönlichen Geschichten bekommt man als Leser aber auch einen Eindruck von Alltag und Leben in Berlin um 1900: Wie reagierten die Menschen auf die ersten Telefone? Wie lernten die Kinder Radfahren? Welche Jugendbücher wurden gelesen?
Auch wenn die meisten Geschichten nur kurz sind, wird in ihnen viel gesagt. Einige Formulierungen lassen mich noch immer nicht los, z.B. über ein Karussel, das langsam zum Stehen kommt: „Und die Mutter taucht auf, der vielfach gerammte Pfahl, um den das landende Kind das Tau seiner Blicke wickelt.“
Mich hat das Buch an Rilke und Proust erinnert, ich werde sicher noch einmal darin blättern und mit in Erinnerungen schwelgen.

Philip Krömer: Ymir oder: Aus der Hirnschale der Himmel

Was für ein Buch! Nicht nur der Roman, in dem es um eine abenteuerliche Expedition ins Innere der Erde geht, auch die grafische Gestaltung ist etwas Besonderes! Cover, Innenseiten, Kapitelanfänge und alle sonstigen Illustrationen stammen aus einem Medizinlehrbuch des 19. Jahrhunderts und bilden eine zweite Ebene, die im Text mal mehr und mal weniger stark angesprochen wird. Den Abstieg in die Tiefe kann man nämlich auch als Weg durch den menschlichen Verdauungstrakt deuten.
Doch mit nur einem Deutungsansatz kommt man bei „Ymir“ nicht sehr weit. Schon die originelle Rahmenhandlung macht uns Leser zum Komplizen (oder tappen wir da etwa in eine Falle, werden hereingelegt?). (In vielen Klammern gibt uns der Erzähler zusätzliche Späße oder Wendungen mit auf den Weg.)
In die spannende Erzählung sind immer wieder (oft hanebüchene) Originalzitate der Edda, Adolf Hitlers und immer wieder Richard Wagners eingewoben. Es geht um die Suche nach dem reinen Ursprungsarier und gleichzeitig auch um die philosophische Frage nach dem Nichts. Natürlich werden beide Punkte mit einer ordentlichen Portion Ironie hinterfragt. Auch klassische Abenteuerromane wie die von Jules Verne werden auf die Schippe genommen.
Für mich war das Buch ein großer, cleverer Spaß! Wann erscheint im kleinen Homunculus Verlag aus Erlangen eigentlich Nachschub?

Merle Kröger: Havarie

Mittelmeer: Ein liegengebliebenes Schlauchboot voller Flüchtlinge trifft auf einen Mega-Kreuzfahrtdampfer. Ein Containerschiff ist in der Nähe, die spanische Seenotrettung alarmiert, per Handy und Internet sind noch mehr Menschen am Geschehen auf Hoher See beteiligt.
Schon das Setting von Merle Krögers Buch „Havarie“ klingt nach großem Drama, vielen Problemen und Konflikten unserer Zeit. Doch was die Autorin daraus macht, hat mich leider nicht überzeugt. Ein Roman ist „Havarie“ für mich nämlich nicht, eher so etwas wie Doku-Fiction, also durchaus realistische Situationen gefüllt mit fiktiven Geschichten von Menschen auf den jeweiligen Schiffen oder an Land. Und genau diese Biographien haben mich enttäuscht, manchmal sogar verärgert. So wichtig es ist, über die Flüchtlingskrise, die Probleme der Globalisierung, Umweltzerstörung, Glaubenskriege, Digitalisierung usw. zu schreiben – warum musste das alles zusammen in die Lebensgeschichten der handelnden Personen gepackt werden?
In kurzen Kapiteln, die zwischen den Schiffen und den Menschen darauf hin- und herspringen, wird eine so hohe Geschwindigkeit und Spannung aufgebaut, dass die genannten Inhalte auf der Strecke bleiben und nur in ein bis zwei Sätzen angerissen werden können. Jeder einzelnen Biographie werden große historische und aktuelle Krisen und Dramen aufgedrückt: IRA-Konflikt, Ukraine-Krise, Holocaust – alles ist dabei.
Dass die Autorin gut und viel recherchiert hat, merkt man ihrem Buch sofort an (z.B. die Stellen über das Kreuzfahrtschiff). Mich hätten Reportagen über die einzelnen Schiffe wahrscheinlich mehr überzeugt. Da aufgrund der kurzen Kapitel die fiktiven Charaktere für mich nicht lebensecht, sondern sehr konstruiert wirken, lässt mich „Havarie“ leider enttäuscht zurück.

Ernest Sabato: Der Tunnel

„Und es war, als ob wir beide in parallelen Gängen oder Tunneln gelebt hätten, ohne zu wissen, dass der eine neben dem anderen ging…“ So beschreibt der Maler Juan Pablo Castel rückblickend seine Beziehung zu María Iribarne. Ein Detail auf einem seiner Gemälde hatte die beiden zueinander geführt. Zwischen den Tunneln erschienen gläserne Wände – so die Tunnel-Metapher weiter – und die beiden lernten sich kennen.
Es entwickelt sich eine komplizierte, gewaltvolle Verbindung. Juan ist ein egozentrischer Sadist, dessen Eifersucht ihn Schritt für Schritt in den Wahnsinn treibt. Als Leser kann man schon gleich am Beginn des Romans alle Hoffnungen auf die positive Kraft der Liebe aufgeben, denn Juan sitzt im Knast. Er hat Mariá umgebracht.
Juans Bericht aus dem Gefängnis rollt die Beziehung vom abenteuerlichen Kennenlernen bis zum tragischen Ende noch einmal auf. Eine klare, brutale Sprache aber auch einige düstere Träume und dramatische Naturbeschreibungen lassen Juans Charakter sehr lebendig und plastisch erscheinen. Um Bildende Kunst – Juan ist schließlich Maler – geht es überraschend selten. (Ausnahme: Ein stürmischer Himmel erinnert ihn an ein manieristisches Bild von Tintoretto.) Am Ende ist die Kunst aber vielleicht so etwas wie die letzte Rettung für den Mörder.
Der Argentinier Ernesto Sabato veröffentlichte seinen kurzen Roman „Der Tunnel“ 1948, Albert Camus bestaunte dessen „Nüchternheit und Intensität“ (so steht es auf der Rückseite meines Taschenbuchs aus dem Verlag Klaus Wagenbach) – diesem Kommentar ist nichts hinzufügen.

Jonas Karlsson: Das Zimmer

Büro, Büro. Viele Angestellte kennen so etwas: Tratsch in der Teeküche, Betriebsweihnachtsfeier mit Kollegen, unterschiedliche Ansichten über effiziente Ablagesysteme. Am wichtigsten aber sind natürlich die zwischenmenschlichen Beziehungen – erst recht in so einem Großraumbüro, wie es Jonas Karlsson im kurzen Roman „Das Zimmer“ beschreibt.
Ich-Erzähler Björn kommt in ein neues Team und wird (oder fühlt sich?) gemobbt. Er hat ein kleines Zimmer neben den Toiletten entdeckt, welches seine Kollegen offenbar noch nicht kennen. Oder stellen sie ihm eine Falle, um ihn loszuwerden? Zwar ist Björn ein egoistischer Arsch, aber dank seiner kurzen Pausen in diesem Zimmer, einem komplett ausgestatteten Mini-Büro, leistet er hervorragende Arbeit. Das wird auch seinen Chefs bald klar. Doch wie sind die Konflikte zwischem ihm und den anderen zu lösen?
Der Büro-Roman „Das Zimmer“ ist zuerst einmal für alle interessant, die selbst in einem Büro mit mehreren Menschen zusammenarbeiten durften. Die kleinen alltäglichen Gesten, Blicke, Stichelein sind treffend beschrieben. Doch auf den zweiten Blick geht es im Roman um Fragen nach dem Individuum, dessen Einzigartigkeit und den Umgang der Gesellschaft mit ihren einzelnen Mitgliedern. Wie in Kafkas Geschichten gibt es auch hier verwirrende und fantastische Momente, die eine eigentümlich psychologische Spannung erzeugen, obwohl eigentlich kaum etwas passiert.
Fazit: Fünf von fünf Kaffeetassen!

Deborah Feldman: Unorthodox

Die Botschaft am Ende des Buchs ist eindeutig: Lass dir niemals vorschreiben, wie oder was du sein solltest! Es lohnt sich für Selbstverwirklichung und Freiheit zu kämpfen!
Deborah Feldmans 2012 erschienene autobiographische Erzählung „Unorthodox“ ist beängstigend und beeindruckend. Kopfschüttelnd las ich von der ultraorthodoxen jüdischen Religionsgemeinschaft, die mitten in Brooklyn die vollständige Kontrolle über das Leben ihrer Anhänger hat. Von der Geburt bis zum Tod, von der Nahrungsaufnahme bis zum Sex ist alles streng reglementiert. Begründet wird dies alles durch Gottes Wille.
Die chronologische Erzählung – von Kindheit, Jugend bis zur Geburt des ersten eigenen Kindes – ist im Ton erstaunlich sachlich und nüchtern. Wahrscheinlich hat sie mich deswegen so berührt. Immer wieder kommt die Autorin auf die großen Fragen, die großen Zweifel, die jeder denkende Mensch kennt: Warum ist mein Leben so und nicht anders? Kann ich es ändern? Wer sind meine wahren Freunde?
Dazu kommt: Unter den strengen Regeln haben die Frauen am meisten zu leiden. Sie sind dazu da, den Haushalt zu führen und möglichst viele Kinder zu zeugen. Eigenständiges Denken und Handeln ist nicht erlaubt.
Die Episoden, in denen die Erzählerin durch heimliche Lektüre, z.B. Jane Austen oder Roald Dahl, Hoffnung auf ein anderes, selbstbestimmtes Leben schöpft, deuten ihre Zukunft schon an. Die Heldin wird sich im zweiten Bildungsweg weiterbilden und sich aus den Fängen der Sekte befreien. Nur so konnte sie schließlich „Unorthodox“ schreiben.
Vor kurzem ist mit „Überbitten“ auch der Nachfolger erschienen.

Kazuo Ishiguro: Der begrabene Riese

Dieser Roman beginnt ganz gemächlich. Ein altes Paar entschließt sich, den seit langem vermissten Sohn zu suchen. Beatrice und Axl, so heißen die beiden, machen sich also zu Fuß auf den Weg. Nach klassischem Muster (siehe Homers „Odyssee“) folgt dann doch schnell ein Abenteuer dem nächsten und nach nur wenigen Tagen sind die beiden gleich reihenweise Kriegern, Mönchen, Dämonen, Menschenfressern und Kobolden begegnet.
Ein – teilweise recht selbstbewusster – Erzähler berichtet von Begebenheiten in einem (alternativen) Britannien des 5. Jahrhunderts – in dieser Zeit spielt der gesamte Roman. Die fantastischen Elemente passen gut zur Abenteuergeschichte, womit auch der besondere Stilmix (History, Fantasy, Adventure) umrissen wäre. Doch dem vielseitig begabten englischen Autor Kazuo Ishiguro (siehe z.B. seine Kurzgeschichten „Nocturnes“ hier) gelingt es, diesen gängigen Gattungen weitere Dimensionen hinzuzufügen. Die vielen Abenteuer, auch der Nebenfiguren, drehen sich um ganz elementare und allzeit gültige Fragen der Menschheit:
1. Erinnern und Vergessen: In der Geschichte lähmt der Atem eines weiblichen Drachens (Drachin!) das Erinnerungsvermögen der Menschen. Die Drachin soll getötet werden. Doch was, wenn sich ehemalige Feinde an die inzwischen vergessenen Gräueltaten erinnern und sich dafür nun rächen wollen? Was ist der richtige Umgang mit Erinnerungen?
2. Leben und Tod: In einer unwirtlichen Welt kann ein Fehltritt im Wald oder eine heute einfach zu behandelnde Infektion den Tod bedeuten. Muss man erst dem Tod von der Schippe gesprungen sein, um von der Kostbarkeit des Lebens überzeugt zu sein? Oder ein anderer Aspekt: Wie ergeht es dem Partner, der von seiner langjährigen Partnerin allein im Leben zurückgelassen wird? (Die Episoden um den Fährmann Tod, der Paare hinterlistig trennt, sind besonders traurig und erschütternd.)
3. Gut und Böse: So einfach ist das nicht. Zwar folgen wir mit Beatrice und Axl eindeutig den Helden der Geschichte, doch auch sie begangen Fehltritte (die sie nur vergessen haben). Was den Roman aber zu etwas Besonderem macht, sind die etlichen falschen Fährten, auf die er uns Leser schickt. Immer wieder sehen wir Personen in einem anderen Licht. Ein zuerst an Don Quijote erinnernder Ritter ist z.B. gar nicht weltfremd und handlungsunfähig, sondern folgt erfolgreich einer wichtigen Mission. Alle Figuren sind ambivalent und in ihren Gedanken und Handlungen nie eindeutig gut oder böse – selbst die Drachin wurde verzaubert, böse zu sein. Gekonnt setzt Ishiguro erzähltechnische Tricks wie wechselnde Perspektiven, Zeit- und Ortswechsel ein, um die Spannung bis zum Ende aufrecht zu erhalten.
An diesen kurzen Notizen wird hoffentlich deutlich, dass „Der begrabene Riese“ ein ganz ungewöhnlicher Roman mit philosophischem Tiefgang ist, den ich auch Nicht-Fantasy-Lesern sehr empfehlen kann. Wer möchte, kann sogar Bezüge zur Gegenwart herstellen. Nur ein Beispiel zum Schluss: Ein Herrscher, der die Drachin als Kriegswaffe einsetzen möchte, kann sie aber nicht beherrschen…

Ernst Ludwig Kirchner auf Fehmarn

Ernst Ludwig Kirchner auf FehmarnMehr als ein Jahr gab es an dieser Stelle keine neuen Einträge. Der Grund: In den letzten Wochen und Monaten habe ich selbst ein kleines Taschenbuch geschrieben, welches Anfang August im Heidelberger Morio Verlag, einem Imprint des Mitteldeutschen Verlags, erschien. In dem Buch der Reihe „Stationen“ geht es um die Sommeraufenthalte des expressionistischen Künstlers Ernst Ludwig Kirchner auf der Ostseeinsel Fehmarn.

Vier Sommer, 1908 und dann 1912 bis 1914, war Kirchner auf der Insel und verwirklichte dort seinen Traum von einem Leben im Einklang mit der Natur. Dort zeichnete, malte, schnitzte, druckte und fotografierte er in einem regelrechten Schaffensrausch – heute befinden sich seine vielen Fehmarn-Werke in Kunstsammlungen überall auf der Welt.

Für das Buch habe ich über 50 Abbildungen recherchiert; nicht nur von während der Zeit entstandenen Kunstwerken der unterschiedlichsten Gattungen, sondern auch historische oder aktuelle Fotografien. Zudem sind in den letzten Jahren Kirchners Briefe und Postkarten veröffentlicht worden, sodass einige schöne Zitate das Leben auf der Insel anschaulich werden lassen.

Kirchner lebte mit seiner Frau Erna Schilling, die er kurz vor der Abreise in Berlin kennenlernte, von 1912 bis 1914 beim Leuchtturmwärter Lüthmann auf der südöstlichen Inselspitze Staberhuk. Gemeinsam mit ihr und einigen berühmten Gästen, z.B. den Malerfreunden Erich Heckel oder Otto Mueller, erlebte Kirchner auch einige Abenteuer. Um eine Hütte am Strand bauen und viele Skulpturen schnitzen zu können, schwamm er beispielsweise häufig zu einem untergegangenen Boot und holte sich aufgeschwemmtes und daher leicht zu bearbeitendes Holz. Auch Florian Illies schrieb über diesen Sommer auf Fehmarn in dem Bestseller „1913“.
Ein Jahr danach, mit Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 mussten Erna und Kirchner die Insel abrupt verlassen – später erinnert er sich oft an die schöne Zeit an der Ostsee zurück. Bis zu seinem Tod 1938 wird er allerdings nie wieder nach Fehmarn reisen können.

Vor einigen Tagen begab ich mich nun selbst auf die Spuren Kirchners und trotz des wechselhaften Wetters haben mich die Orte, an denen Kirchner vor über 100 Jahren lebte und arbeitete, genauso begeistert. Ob die Nikolaikirche mit der barocken Kuppel in der Insel-Hauptstadt Burg oder die abwechslungsreichen Strände am Staberhuk – Fehmarn ist noch heute eine Reise wert. Und mit meinem kleinen Kirchner-Büchlein in der Tasche erfährt man, warum die Monate auf der Insel für den Künstler die schönsten seines Lebens waren.

Bestellen kann man den Band entweder direkt beim Verlag, bei Kohlibri oder Amazon und natürlich auch beim Buchhändler um die Ecke!

Vladimir Sorokin: Telluria

Sorokin TelluriaMan könnte Vladimir Sorokins neues Buch als Science Fiction, als spinnerte Phantastik abtun. Aber der von einem achtköpfigen Übersetzerkollektiv ins Deutsche übertragene Roman, gut 400 Seiten und 50 Kapitel lang, ist viel mehr als das: „Telluria“ ist eine Dystopie, eine böse, düstere Satire und vor allem eine mit etlichen Zitaten und Anspielungen gespickte Gesellschaftskritik.
Die Handlung lässt sich nicht leicht nacherzählen: Die 50 unterschiedlich langen Kapitel sind kleine und große Mosaiksteine, die Europa – West und Ost – nach einem großen Krieg in nicht allzu ferner Zukunft zeigen. Dabei sind es immer andere Textarten, die sich mal aufeinander beziehen (z.B. durch Perspektivwechsel) und viel häufiger im Gegensatz zu den Nachbarkapiteln stehen: Berichte, Märchen, Briefe, Manifeste, Träume, Dialoge, Notizen, Legenden, Monologe…
Die neue Weltordnung wird bestimmt vom seltenen chemischen Element Tellur. In den 2020er Jahren entdeckt man dessen extreme halluzinogene und süchtig machende Wirkung. Nur geübte Zimmermänner beherrschen das Verabreichen der Droge mit dem (natürlich nicht ganz ungefährlichen) Einschlagen eines Tellurnagels in den Schädel. In einigen Kapiteln liest man von den Wirkungen der Droge auf Mensch und Gesellschaft, von den Visionen, die sie hervorruft und schließlich auch vom extremen Reichtum des neuen Staats Telluria. Doch dieser Drogenalptraum allein ist Sorokin nicht genug. Seine Zukunft ist geprägt von heftigen Religionskriegen, von denen sich das in neue Reiche und Staaten zerfallene Europa noch nicht wieder erholt hat. (Anders als in Michel Houellebecqs „Unterwerfung“ gab es hier keinen schleichenden, von der Gesellschaft akzeptierten Religionswandel.)
Dazu kommen die für Sorokin typischen phantastischen Elemente und Figuren, wie Riesen, Zwerge oder Zoomorphe (genetisch erzeugte Mensch-Tier-Mischwesen), deren Existenz vielleicht doch gar nicht mehr so fern ist. Auch die technischen Geräte, deren Formen wandelbar sind und die lebensechte Hologramme erzeugen, scheinen nicht ganz unrealistisch.
Der Roman ist, wie schon „Der Schneesturm“, durchtränkt mit russischer Kultur und Geschichte vom 19. Jahrhundert bis in unsere Gegenwart. So fühlt man sich einmal in einen sowjetischen Märchenfilm versetzt und dann tauchen an anderer Stelle Stalin, Gorbatschow, Putin als in Stein gehauene große Helden auf. Jedes einzelne Kapitel ist in Sprache und Inhalt voller offener und versteckter Verweise. Auch wenn man sie nicht alle sofort erkennt, tut dies der Faszination an dem Roman kein Abbruch. Im Gegenteil: „Telluria“ ist ein Buch, was einen noch lange beschäftigt.

Vladimir Sorokin: „Telluria“. Roman. Aus dem Russischen vom Kollektiv Hammer und Nagel. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2015, gebunden, 22,99 €

José Saramago: Handbuch der Malerei und Kalligraphie

SaramagoH. ist Maler und verdient seinen Lebensunterhalt seit einigen Jahren mit Porträtaufträgen. Als er den Vorstandsvorsitzenden eines großen Unternehmens malt – das Bild soll in der Poträtgalerie der Firma eingereiht werden – zweifelt H. mehr und mehr an seinem Schaffen und beginnt, in schriftlichen Aufzeichnungen über sich, sein Leben und seine Kunst zu reflektieren. Neben vielen, zum Teil sehr philosophischen und theoretischen Überlegungen erfahren wir Schritt für Schritt mehr über H.s Leben, seine Freunde, seine komplizerte Beziehung zu Adelina.
In den fünf, von ihm so genanntenen „autobiographischen Übungen“ in Form von Reiseberichten, die als kurze Kapitel in die Chronologie eingeschoben werden, schreibt H. kenntnisreich von kunsthistorischen Reisen nach Italien. Was als Krise in der Malerei begann, wird aufgrund des „Seitenwechsels“ zur Literatur nun eine Krisenbewältigung. Es kommt zum Stilwechsel innerhalb H.s Malerei, was den Auftraggebern eines Doppelporträts gar nicht gefällt. Sie weisen das Bild zurück und H. ist sich nun sicher, so wie bisher nicht mehr weitermachen zu können. (Schon allein aufgrund des nun folgenden schlechten Rufs unter möglichen neuen Kunden.)
Als Leser wird man nicht nur in die intensiven aber sehr stimmigen Gedanken eines Künstlers in der Krise hineingezogen, man kommt H. als Person zudem unglaublich nah – auch weil er anfangs so wenig von sich preis gibt.
Schließlich – und das ist die dritte Ebene – treten Leben und Alltag in Portugal während der Jahre der Diktatur mehr und mehr in den Vordergrund, sodass die letzten Seiten nicht nur immer spannender werden (ein Freund H.s wurde verhaftet), sondern auch gut zu den Gedanken über Malerei und Literatur passen: Wie können Künstler in Diktaturen überleben?
Der Titel von Saramagos Buch aus dem Jahr 1983 ist zwar anfangs irreführend, doch ist es ganz sicher ein inzwischen klassischer, zeitloser Künstlerroman.